Inhalt:
Eile geht vor Sachkunde – dem Denkmalschutz drohen schlechte Zeiten
"Handbuch Eiderstedter Haubarge" beschlossene Sache
Haubarg, Barghaus, Bargscheune und ihre mittelalterlicher Vorläufer –
Materialien zur Vorgeschichte der Gulfscheune
Wo steht (stand) dieses Bauernhaus?
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4.3 Haubarge (Auszug)
Die ersten richtigen Haubarge mit vollintegrierten Wohnräumen wurden, nachdem Rolwagen 1611 das Vorland eingedeicht hatte, im Freesenkoog bei Koldenbüttel gebaut. Einen davon, den in den 1970er Jahren abgebrannten Süderhof, hat Konrad Bedal dendrochronologisch auf 1611 ± 4/5 datieren können. Im Alten Augustenkoog hat Herzog Johann Adolph 1612 fünf weitere Haubarge bauen lassen (Bedal 1977, 107. 405; Oberdieck 1939, 88; Dau 1996, 27; freundl. Mitt. Jan Dau). Es liegt wiederum nahe, dass man dabei Zimmerleute, die bereits in Holland Erfahrungen mit dieser Bauform gesammelt hatten, beschäftigt hat. Bei einem Haubarg, der 1625 in Tönning erbaut wurde, waren vorwiegend eingewanderte Handwerksleute und Lieferanten, die in Friedrichstadt wohnten, tätig (Sachtleben 1993, 139; Michelson 1976; Dekker 2008, 178, 268).
Für die stattlichsten Haubarge wie den Roten Haubarg in Uelvesbüll oder den Haubarg Rothelau in Kating, jetzt im dänischen Freilichtmuseum zu Lyngby, waren die holländischen Vorbilder in jeder Beziehung maßgebend. Letzterer wurde 1653 im Auftrag seines holländischen Eigners Adriaen Albertsz. Hauwert, Altbürgermeister von Medemblik, mit einem flämischen Giebel und dem schönen Namen „Rode Leeuw“ versehen. Der Anlass zu dieser ungewöhnlichen Investition war ein Streit mit der westfriesischen Provinzregierung, die verhinderte, dass er seine abgebrannte Sommerresidenz in Het Bildt wieder aufbauen konnte (Kuschert 1990; Oberdieck 1930, 71–72; Venborg Pedersen 2004, 39–52; Sannes 1951–1956, Bd. 1: 279–280).
Freilich brachte es das traditionelle Ausbildungssystem mit sich, dass es viele Jahre dauerte, bevor sich neue Bautechniken bei den einheimischen Baumeistern und Gesellen durchsetzen konnten. Dennoch hatte Eiderstedt 1795 etwa 400 Haubarge, von denen ein beträchtlicher Teil bereits im 17. Jahrhundert durch einheimische Zimmerleute gebaut worden ist. 1861 gab es noch 370, 1930 rund 160 und im Laufe des 20. Jahrhunderts ist diese Zahl nochmals um die Hälfte gesunken (Saeftel 1930, 1. 9; Fischer 1984, 6).
Die Gestalt dieser Haubarge war unterschiedlich. Die meisten Exemplare hatten ursprünglich nur ein oder zwei große Fächer, die vierkante genannt wurden. Bisweilen zählten sie jedoch drei bis fünf große Fächer, indem das Gebäude später mit zusätzlichen Ständerpaaren verlängert wurde. In Zeiten der Getreidehochkonjunktur wurden die Bauten häufig verlängert, bei niedrigen Getreidepreisen hat man den Neubauten dagegen einen der Viehzucht angemessenen quadratischen Grundriss gegeben. Kopfbänder waren meistens verdoppelt, wie auch in Holland und Flandern üblich. Dagegen wurde das Gerüst normalerweise in Hochrähmkonstruktion ausgeführt, wofür es in Holland – abgesehen von Häusern, Speichern und Mühlenscheunen – keine, jedoch in Ostfriesland, im Groningerland und vor allem in Flandern zahlreiche Parallelen gibt. Der Bau von Haubargen ist nicht auf Eiderstedt beschränkt geblieben. Es gab im 17. Jahrhundert mindestens zwölf Haubarge in Stapelholm, einen in Friedrichstadt, drei in der Südermarsch, einen fürstlichen Haubarg zu Arlewatt, zwei Haubarge auf dem Gut Bottschlott und einige im benachbarten Fahretoft, sechs im Brunottenkoog und in Aventoft, vier auf Nordstrand und einen auf Pellworm. Später wurden drei weitere in Meggerkoog, Christian-Albrechts-Koog (der Königsteinsche Haubarg) und Sophie-Magdalenen-Koog gebaut. Die Investoren kamen bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts meistens aus Holland. In einigen Fällen hat man die andersartige Raumeinteilung oder Gerüstform offenbar direkt von holländischen Beispielen entlehnt (Saeftel 1930, 39; 1950; Bolten 1777, 259–260. 326–329; Panten u. Sandelmann 1993, 247. 250; Heimreich 1819, Bd. 2: 109. 163; Jacobsen 1964, 41–58; Volquardsen 1965, 30. 53–58; Meiborg 1896, 81; Brauer 1939a, 181; 1939b, 39. 65. 108. 257; Kuenz 1978, 243. 413. 458-459. 493; Panten u. Melfsen 1982, 188).
Darüber hinaus gab es in Norderdithmarschen mindestens 20 bis 30 Haubarge sowie eine unbestimmte Zahl von Gulfscheunen, die ebenfalls als Haubarge bezeichnet wurden. Diese tief abgewalmten Scheunen waren allerdings anders gegliedert als die üblichen Haubarge, indem sie meistens drei bis fünf Fächer maßen und mehrere Querdielen besaßen. Man wird dabei an die Gulfscheunen Butjadingens, die ebenfalls als „Heuberge“ bezeichnet wurden, erinnert. Doch konstruktiv ähneln sie eher den großen Scheunen in Seeland und Westflandern, weshalb man wenigstens die Vermutung aussprechen kann, dass diese Bauform bereits im 16. Jahrhundert mit den südniederländischen Exilanten eingewandert sein mag (Saeftel 1929; 1930, 34–43; 1931; van Cruyningen 2002, 85–113).
Der Bau von Haubargen und Barghäusern war nicht auf Schleswig-Holstein beschränkt. Auch in den südfriesischen Marschen haben die Gutsherren und städtischen Investoren den robusten Großhäusern aus Holland gelegentlich den Vorzug gegeben. So gab es vereinzelte Exemplare in der Gegend von Dokkum, imRheiderland und am Jadebusen (Abb. 8–9). Ostfriesische Deichbauunternehmer errichteten kurz nach 1636 mehrere Haubarge im Wurster Neufeld bei Cuxhaven (van Olst 1991, Bd. 2: 184–185. 384–385. 640–641; Itzen 1930, 111; Mayer 1990, 33; Schürmann 2002, 105–107; Siebs 1932, 234; Junge 1936, 37). Vor allem Jan Claesz. Rolwagen hat in fast jedem Polder, den er eingedeicht hat, neue Bauernhöfe zurückgelassen: zuerst am Dollart bei Neuschanz, wo seine holländischen Zimmerleute unmittelbar nach dem Deichbau 1605 eine Reihe von Barghäusern bauten, sodann in Eiderstedt und schließlich noch in Westfriesland, wo er 1620 die Trockenlegung des Meers von Staveren beaufsichtigte. Rolwagen ist wohl auch an erster Stelle dafür verantwortlich zu machen, dass sich der Gulfhausbau in zwei weiteren Varianten verbreitet hat, nämlich dem Ostfriesenhaus oder Oldambter Bauernhaus und dem westfriesischen Weidebauernhaus oder stelp. Beide sind, wie der Haubarg, durch die Integration der wichtigsten Wohnräume in der Scheune gekennzeichnet (Abb. 10; Deiter 1881, 95; van der Molen 1942, 88–94).
Autor: Otto Knottnerus
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Die Baukonstruktion der Haubarge geht zurück bis in das hohe Mittelalter. In der Normandie wurden im 13. Jahrhundert die ersten großen Gulfhäuser als Zehntscheunen erbaut, in denen die Klöster die Abgaben der Bauern (den zehnten Teil der Ernte) trocken lagern konnten.
Die Gulfkonstruktion erwies sich als sehr effizient und gelangte über Flandern in die Niederlande. Niederländer brachten die Haubargform mit nach Eiderstedt, wo sie im 16. und 17. Jahrhundert den Landbau und die Milchviehwirtschaft in Schwung brachten.
Otto Knottnerus hat den Weg dieses alten, bewährten Bauprinzips über einen langen Zeitraum wissenschaftlich erforscht und in einem Aufsatz für das Niedersächsische historische Institut für Historische Küstenforschung beschrieben.
Die umfangreiche Literaturliste zum Aufsatz finden Sie hier.
Sie können die Arbeit in voller Länge in Der Maueranker Heft 3-2011 nachlesen.
Zu beziehen ist das Heft beim Nordfriisk Instituut in Bredstedt für 3,50 Euro (Inland)