Über Ziegeleien und Ziegel in Nordfriesland

Gerd Kühnast

In Schleswig-Holstein gab es an manchen Orten auf der Geest, wo Lehm, oder in der Marsch, wo eine dicke Kleischicht anstand, viele kleinere Ziegeleien, die den Bedarf an Ziegeln in der Umgebung befriedigen konnten. In Nordfriesland erinnern die ausgegrabenen Lehmkuhlen, meist mit Wasser gefüllt, und auch Flurnamen wie Tegelbarg (Ziegelberg), Tegelifenn (Ziegeleifenne) und Tegelwong (Ziegelfeld/-wiese) oder Limköl (Lehmkuhle) und Stinown (Steinofen) – die letzten beiden auf Friesisch – an die längst verschwundenen Ziegelbrennereien.

Später noch betriebene Ziegeleien dieser Art gab es im Breklumer Koog an der Nordseite der Arlau. Es ist eine Fotografie überliefert, auf der das kleine Wohnhaus der Zieglerfamilie neben den Trockenschuppen und dem Ofen mit seinem hohen Schornstein zu sehen ist.

Die letzte der nordfriesischen Ziegeleien wurde 1964 im Morsumkoog auf der Insel Nordstrand geschlossen. Sie hatte mit einem Ringofen nach 1945 in den besten Zeiten noch 2,5 Millionen Ziegel produziert und musste aufgeben, weil keine abbaufähige Klei-Erde mehr verfügbar war. Aus den letzten Jahres gibt es Fotos, die den nicht mehr zeitgemäßen Produktionsgang zeigen, in dem noch sehr viel Handarbeit geleistet werden musste. Eine Modernisierung wäre im Hinblick auf die bevorstehende Schließung des Betriebes wirtschaftlich nicht mehr vertretbar gewesen.

Als das Herzogtum Schleswig 1864/67 an Preußen überging und in der Provinz Schleswig-Holstein eine rege Bautätigkeit begann (Bahnhöfe, Schulen, Brücken, Militär- und Verwaltungsbauten), wurden in den Ziegeleien die Arbeitskräfte knapp. Es kam zu einem Zuzug von Zieglern aus dem Lipperland Zwei Brüder aus dem Dorf Heidelbeek bei Detmold kamen nach Nordfriesland, Carl Wilhelm und Johannes Frevert. Carl Frevert (1837-1917) arbeitete auf der Ziegelei im Koog und heiratete Usche Lorenzen aus Büttjebüll. Eine Tochter aus der Ehe war meine Großmutter Wilhelmine Paysen, die ihre Kindheit in der Ziegelei verbracht hatte und viele Einzelheiten über die Arbeitsabläufe und über die schwere Arbeit beschreiben konnte. Die Zieglerfamilie hatte Schankerlaubnis und verdiente damit ein wenig hinzu. Manchmal kamen auch Gäste aus der Hattstedtermarsch von jenseits der Arlau. Die musste Wilhelmine dann mit einem Boot über die Arlau setzen, eine wenig angenehme Arbeit. Die späteren Eigentümer nach dem Ende der Ziegelbrennerei hatten noch bis in unsere Zeit den Beinamen Tegeli (Peter Tegeli, der aber einen anderen Nachnamen hatte).

Wenn größere Gebäude errichtet werden sollten, etwa ein Vierseithof, gab es kaum eine Ziegelei, die alleine die Stückzahl liefern konnte. Dann mussten alle in erreichbarer Nähe betriebenen Betriebe herangezogen werden. Wenn das aber auch nicht reichte, wurden Ziegel per Schiff aus der Unterelbe in Niedersachsen bezogen, wie ein Beispiel aus Langenhorn bezeugt. Zwei früh verwaiste Söhne eines Pferdehändlers aus Langenhorn wuchsen bei Verwandten auf. Die Familie hatte Beziehungen nach Holland. Einer der beiden heranwachsenden jungen Waisenknaben, Sönke Ingwersen, wurde nach Holland gebracht, wo er mit der Niederländischen VOC (Verenigte oostindische Companie), die den Ostindien-Handel lenkte, nach Java gelangte. Dort stieg er in hohe Ämter auf und erwarb sich ein Vermögen. Sein jüngerer Bruder Paul folgte ihm über Kopenhagen in die dänische Kolonie an der Ostküste Indiens und von da nach Java. Beide kehrten um 1860 zurück in die Heimat. Sönke kaufte das Gut Gelting und erhielt den Adelstitel Baron von Geltingen vom dänischen König verliehen, und Paul ließ sich in Langenhorn nieder, wo er sich ein großes und vornehm ausgestattetes Haus bauen ließ.

Er überwachte nicht nur das Gut seines Bruders, der einen Teil seiner Zeit in den Niederlanden und in seinen Häusern in Schleswig und Hamburg verbrachte, sondern führte auch genau Buch über den Bau seines eigenen Hauses. Die penible Abrechnung blieb im Gutsarchiv Gelting erhalten. Darin ist abzulesen, dass für den Langenhorner Alterssitz 214.000 Ziegelsteine benötigt wurden. Eine solche Menge konnte keine der hier erwähnten kleinen Ziegeleien alleine herstellen. So wurden alle erreichbaren Ziegeleien mit Aufträgen bedacht und auch, wie zu vermuten ist, Steine aus Abbrüchen zusammengekauft. Den größten Auftrag erhielt eine Ziegelei bei Stade in der Gemeinde Osten an der Oste, die bei Cuxhaven in die Elbe mündet. Diese lieferte 68.000 Ziegel, die in zwei Bootsladungen elbabwärts und dann entlang der Westküste auf dem Seeweg in den kleinen Sielhafen Bongsiel verfrachtet wurden. Von dort wurde die Fracht mit Pferd und Wagen zur Baustelle kutschiert.

Paul Ingwersen, der ledig geblieben war, stattete das Haus überaus prachtvoll aus, z.B. mit 4.000 aus Harlingen im niederländischen Friesland beschaffte „glasiirte und bemalte Wandklinckers", und möblierte es mit französischen Möbeln. Eine Übersicht über Inventar und Kleidung, die nach dem Tode Pauls für die Abwicklung der Erbschaft aufgeführt wurde, gibt Auskunft über das Vermögen, das in Haus und Wirtschaft investiert worden war. Es beläuft sich nach heutiger Währung vorsichtig geschätzt auf etwa 1,2 Millionen Euro.

Aus dem IGB-Archiv, Der Maueranker 03-04/2012

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