Das reetgedeckte Dach

Text: Ellen Bauer

Reetfleth Friddenbüll  mit Haubarg Marschkoog, Tetenbüll
Reetfleth Friddenbüll mit Haubarg Marschkoog, Tetenbüll

Das Reetdach

Allen fünf Haustypen der Nordfriesischen Hauslandschaft ist bis zum Ende ihrer Bauweise das für Norddeutschland typische in Reet gedeckte Dach gemeinsam. 

Eine Ausnahme macht das Geesthardenhaus. Dieser Haustyp wurde bis zum Anfang des 20. Jh.s gebaut, und die Dachdeckung erfolgte daher ab dem letzten Drittel des 19. Jh.s zeitentsprechend als Hartdach in Schiefer, später aus Pappe oder Blech. Auch an einem Haubarg, dem Olufhof in Eiderstedt von 1874, gibt es eine seltene Schieferdeckung, sowohl auf der Haubargscheune als auch auf dem 1984 abgerissenen Vörhus. Es war die Zeit, als der Viehhandel mit England blühte. Auf englischen Schiffen kam der teure Schiefer nach Nordfriesland. Das Reetdach ist dennoch bis heute die landschaftsprägende Dachdeckung der Nordfriesischen Hauslandschaft.

Die Reetdeckung ist nicht nur für Nordfriesland typisch, sondern seit altersher und je nach Schilfvorkommen an Gewässern, Seeufern, Flüssen, Gräben, Reetflethen für die ländliche Bauweise in Europa (und schon in Mesopotamien in frühgeschichtlicher Zeit).

Aus den Städten wurde das feuergefährliche Reet nach den großen Stadtbränden verbannt. Ein frühes Beispiel ist Flensburg, wo es schon im 14. Jh. nach einem Stadtbrand verboten wurde, in Tönning im 18. Jh. Für die Stadt Tönning heisst es in der Königlichen Brand-Verordnung von 1746 in Art. 5: „Wird den sämtlichen Bürgern und Einwohnern dieser Stadt hiermit untersagt, die Dächer ihrer Wohnhäuser nicht mit der sogenannten Stroh-Wippen versehen, sondern mit Kalck vermauern zu lassen... (und) ...deren Ställe und Scheunen mit gebrannten Dachziegeln decken zu lassen...“

Nach Übernahme des Herzogtums Schleswig durch die Preußen im Jahre 1866 führten die preußischen Behörden neue Brandschutzbestimmungen ein. Die Giebel über der Haustür mussten ab 1868 als Hartdach ausgeführt werden, damit die Flucht bei Feuer nicht durch herabstürzendes Reet behindert würde. Die Giebel aller fünf Haustypen hatten schon vorher diese Schutzfunktion.

Das Reetdachdeckerhandwerk ist eine uralte Handwerkskunst. 2014 wurde es auf Initiative von Mecklenburg-Vorpommern zum Immateriellen Kulturerbe der UNESCO ernannt. Reet wird in manchen Regionen auch „Rohr“ oder „Ried“ genannt, in den Niederlanden wie bei uns „Reet“, in Friesland „Räjne“.

Das Reetdach gehört zu den sogenannten Weichdächern. Es ist noch in den 1960er Jahren als Naturmaterial „vor der Haustür wachsend“ eine preiswerte Dachdeckung. Auch das Strohdach gehörte dazu. Das Borsbüller Geesthardenhaus wurde noch 1970 vor der Translozierung ins Freilichtmuseum Molfsee teilweise in Roggenstroh gedeckt (MA 03/1997).

Video mit Matthias Johns von der Reetdachdeckerei Wolf & Ohls, Oldenswort. Baustellengespräch an einem denkmalgeschützten Gebäude.

Kapitel des Videos

00:13 Reetdachdecker werden
02:11 „Hol“ und „Fast“
03:11 Was unterscheidet das Reetdach auf einem historischen Gebäude von einem Neubau?
04:15 Woher kommt das Reet?
05:03 Wie stellt man die Qualität des Reets sicher?
05:56 Bauphysikalische Maßnahmen
06:29 Mit welchem Material wir arbeiten
07:53 Welche Gebäude gedeckt werden
08:06 Ist das Reetdachdeckerhandwerk Saisonarbeit?
08:55 Wann eine Neueindeckung notwendig ist
09:23 Wie lange ein Reetdach hält
09:57 Flora und Pilze auf dem Dach
11:07 Dachöffnungen
11:52 Firsteindeckung
12:20 Sturmsicherheit
13.33 Reetdach-Tipps und Selbermachen

Länge ca. 15 Minuten, Deutschland 2020 // Konzept, Regie, Realisierung: Jan Ö. Meier

Ernte & Lagerung

Das einheimische Reet wurde im Winter bei Frost geerntet. Zum einen waren dann überschwemmte Gebiete (z.B. Reetflethe), Gräben, Seen, Flüsse begehbar, zum anderen gewährleistet Frost eine längere Haltbarkeit des Reets. Doch oft standen die Reetschneider bis zum Knie im Wasser oder ernteten vom Boot aus. Im Rüttebüller See wurde noch 1970 das Reet vom Fischerboot aus geerntet (Bericht Lorenz Petersen). Mit der Sichel wurde das Reet 30 cm unter der Wasseroberfläche abgeschnitten. Zur Fortbewegung diente ein einfaches Segel. Ohne Wind wurde gestakt mit langer Stange. Bauern kauften dieses Reet und holten es, oder es gingen Lieferungen nach Nordschleswig. Auf dem Eis wurde mit Reetschiebern von 80 cm Schnittbreite geerntet. Nach der Reinigung wurde das Reet mit selbstgedrehten Strohbändern zusammengebunden, ein Bund zu 86 cm Umfang.

Früher erntete in Nordfriesland im Winter jeder Landbesitzer, so er geeignete Reetflächen besass, für seinen Bedarf. Arbeiter ernteten als Zuverdienst, der Großbauer liess ernten. Reet wurde in Notzeiten auch als Einstreu für Vieh und Viehfutter verwendet.

Das Reet wurde geschnitten (Sense/Sichel), es wurde gereinigt (welke Blätter), in Schoofe gebündelt (1 Schoof ist 1 Bund von ca. 30-40 cm Durchmesser, das entspricht dem o.g. Mass von 86 cm Umfang). Zur Durchlüftung wurde es in Hocken im Freien aufgestellt, heute in Hallen. Die Rispen bleiben und werden mit verarbeitet. Sie sind beim fertig gedeckten Dach von innen sichtbar.

Es konnte Jahr für Jahr ein Stück Dachfläche in Reet erneuert oder nur ausgebessert werden. Denn das ist das Besondere an diesem „flexiblen“ Material: Leck- und Schwachstellen an Kehlen, Firsten, Schornsteinen konnten und können nachgestopft werden.

Zum Reetdecken kam der Reetdecker – ohne Reet, es stand in Hocken auf dem Hof. Heute wird mit einer Reetschneidemaschine in beachtlicher Breite geerntet. In Dithmarschen gibt es professionelle Reetschneidebetriebe. Anders als früher wird Reet aber überwiegend aus Rumänien, Ungarn, Polen, der Ukraine oder sogar China bezogen. Am Neusiedlersee, im Donaudelta gibt es riesige Reetflächen von sehr guter Qualität. Der Reetdeckermeister kauft und liefert das Material und trägt Sorge für eine gute Qualität. Die Meisterbetriebe sind in einer Innung zusammengeschlossen und bürgen für fachgerechte handwerkliche Leistungen.

Eindecken eines Haubargs

Decken & Nähen

Das norddeutsche steile Sparrendach ist für die Reetdeckung konstruiert. Das Regenwasser muss ablaufen können, damit es nicht zur Durchfeuchtung kommt. Eine Mindestneigung von 45 Grad sollte erfüllt sein, 50 Grad ist besser. Das wird der Grund sein, weshalb spätere Haubarge mit diesem steileren Dach gebaut wurden.

Schuppenförmig werden die aufgeschnittenen Schoofe übereinandergelegt und im Abstand der Lattung von 30–35 cm an dieser vernäht, so dass die Naht selbst von den nächsten zwei Lagen überdeckt wird. Während noch um 1900 eine Dicke von 10 cm den Dachdeckerregeln entsprach, deckt man heute ca. 35-40 cm stark.

Aus Roggenstroh geflochtene Strohseile gelten als frühes Nähmaterial. Heute noch zu finden als älteste Bindung ist Kokostau (vermutlich seit dem 16. Jh.). Die Kokosfaser ist fest und widerstandsfähig gegen Wasser. Kürzlich wurden diese gedrehten Stricke im Wechsel mit Kupferdraht noch an einer Dachfläche von ca. 1955 entdeckt.

Im 20. Jh. wird Kupferdraht, dann ummantelter Draht verwendet. Für diese Art des Nähens waren zwei Reetdachdecker notwendig. Einer stand innen (der Binnennäher) und einer aussen (der Butennäher). Sie reichten sich die lange Nadel durch die Deckung mit den Kommandos: „wech” (weg) und „fass” (fest). Dieser Rhytmus war den ganzen Tag lang während der Arbeiten zu hören. Das war 1980 noch so. Heute gibt es eine Arbeitsersparnis durch das Nähen mit Nirodraht (Nirosta V2A) über den aussen liegenden Bindestock (Stangendraht, auch aus Nirostastahl). Eine zweite Person innen ist nicht mehr nötig, weil die Arbeit mit einer gebogenen Nadel ausgeführt wird.

Man unterscheidet die „gebundene, genähte und geschraubte Reetdeckung“ in der Art der Befestigung an den Latten. Als denkmalgerechte Deckung wird ein „genähtes Dach“ verlangt, auf jeder Latte alle 20-25 cm eine Drahtschlaufe, die die untere Lage hält.

Für weitere Informationen ist das Buch „Werner Schattke - Das Reetdach”, erschienen 1981 im Schleswiger Druck- und Verlagshaus, zu empfehlen.

Reet nähen

Die gebogene Nadel. Eine Arbeitsersparnis gegenüber dem Nähvorgang bis in die 1980er Jahre. Der „Binnennäher“ (ein Helfer, der innen steht) ist nun nicht mehr nötig. Der gesamte Arbeitsgang des Nähens erfolgt von außen mit einem Reetdachdecker, dem früheren „Butennäher“.
Die Rundnadel mit eingefädelten Niro- Draht ist oberhalb der Latte nach innen geführt, die Nadel mit dem Widerhaken holt den Draht unterhalb der Latte nach außen zurück.  Dann werden die Drahtenden zusammen gerödelt. Echtes Hand- Werk, das Nähen der Reetdeckung.
Heidekraut für die Firsteindeckung. Früher aus einem benachbarten Stück Geest, heute (Naturschutzgebiet!) aus einem Anbau in der Lüneburger Heide

Haltbarkeit & Qualität

Man sagt in Nordfriesland: „Jede Generation muss einmal im Leben das Dach decken“. Die Erfahrungswerte bestätigen dieses. Eigentlich ist eine Dachfläche dann aufgebraucht, wenn es durchregnet. Aber: die Ansprüche sind gestiegen, und wir leben länger! 35-40 Jahre ist eine gute Liegezeit für die Süd- und Westseite. Die Nord- und die Ostseite halten am längsten. So gibt es gute Befunde noch nach 60 Jahren, ja sogar nach 90 Jahren.

Entscheiden sind die aufgebrachte Qualität und die Pflege. Pflege heisst, Ablauf des Wassers muss gegeben sein, die Durchlüftung und der Schutz vor zu heisser Sonneneinstrahlung.

Der Reethalm soll bei Biegung nicht brechen, von kräftigem, aber nicht zu langem Wuchs (ca. 2 m im Schoof), von mittlerer Feinheit (nicht zu grob), die Innenseiten sollen hell und sauber sein, keine Verfärbung, keinen Schimmel im Inneren des Rohrendes zeigen. Die Feuchte soll 18 % nicht überschreiten. Dafür muss das Reet zum richtigen Zeitpunkt geerntet werden und anschliessend mit Durchlüftung gelagert werden, deshalb die erwähnte Aufstellung in Hocken, heute in Hallen.

Seit ca. 1990 grassiert eine vorzeitige Reetzerstörung in Form eines vermuteten „Pilzbefalles“. Es wurde beobachtet, dass vorwiegend Dachflächen, die nach 1990 gedeckt wurden, davon betroffen sind. Ältere nicht. Der Befall liegt als „schwarzer Glibber“ nicht nur auf der Oberfläche des neu gedeckten Reetes, sondern dringt tief ein und kann die gesamte Deckung erfassen und zersetzen. Und das schon nach wenigen Jahren. Die Forschungsarbeiten an Universitäten hierzu sind ohne eindeutige Ergebnisse eingestellt worden. Eine neue wissenschaftliche Studie ist derzeit (2020) – unter Beteiligung der IG Baupflege – in Planung.

Die Reetdachdecker-Innung hat eine „Gesellschaft zur Qualitätssicherung Reet mbH“ mit Sitz in Kiel gegründet. Damit wird dem Handwerk und dem Bauherrn ein gewisser Schutz gegeben.

Dachdecken auf der Geest

Geesthardenhaus, Struckum. Gut zu sehen, von links: Altreet, Neulattung, Neueindeckung. Der Schweifgiebel sichert den Hauseingang bei Feuer vor glühendem, herabstürzenden Reet. Seltener historischer Befund sind die großen Fenster beiderseitig des Eingangs – Hinweis auf den Kaufladen, der sich noch im 20. Jahrhundert im linken Gebäudeteil befand
Geesthardenhaus, Struckum. Firstabdeckung mit Heidekraut. Typisch für historische Gebäude auf der Geest und am Geestrand. In der Marsch kannte man Sodenfirste. Das Stechen von Soden aus dem Vorland ist heute nicht mehr gestattet
Heidekraut für die Firsteindeckung. Früher aus einem benachbarten Stück Geest, heute (Naturschutzgebiet!) aus einem Anbau in der Lüneburger Heide

Ausbau unter Reet

Der Sparrendachstuhl der fünf Bauernhaustypen bildet einen Bodenraum unter der Schräge des Daches, der als Lagerraum für Heu, Stroh, ungedroschenes und gedroschenes Getreide (Korn) notwendig war. Die Reetdeckung sorgte für einen guten Schutz vor Nässe, Feuchte, vor Kälte und Hitze, da das Reetpolster günstige thermischen Eigenschaften hat und dampfdiffusionsoffen ist. (Die einzelnen Nutzungsbereiche der Böden sind in Baustein 1 erläutert). Auch der Haubarg hat trotz der hohen Lagerung im Vierkant weitere Böden: den Getreideboden (Korn) über dem Wohnteil, Heu und Stroh über den Ställen.

Bei Umnutzung der Gebäude ist der Ausbau unter dem Reetdach beliebt, um den hohen umbauten Raum nicht zu „verschenken”. Da Reet durch die Ausbaumaterialien nicht luftdicht abgedichtet werden darf – die Luftzirkulation dient der ständigen Trocknung des Naturmaterials – entstehen beim Ausbau häufig Fehler, die dem Reet schaden. Ein mindestens 6-10 cm starker Hohlraum sollte zwischen der Innenseite der Deckung und der Ausbauebene vorhanden sein. Für Luftzirkulation muss gesorgt werden.

Dieser wie jeder andere Hohlraum bietet Nagetieren wie dem Marder potenziell Tummelplätze. Darunter litten schon die Hallig- und Inselbewohner, deren Wohnteil über der Katschur für „Mitbewohner” einen gut gewärmten Platz bot. Solange die Deckung des Reetes neu und stark ist (30 cm und mehr), rupft der Marder seine vielen Einstiegs- und Fluchtwege nicht, doch mit abnehmender Stärke nach der Alterung des Reetes steigt die Gefahr. Unter Reet sollte man in jedem Fall einen dampfdiffusionsoffenen Aufbau der Ausbaumaterialien wählen und wissen, dass sich unliebsame Tiere einschleichen können.

Kosten der Reetdacherneuerung

Derzeit (2020) kann man mit EUR 100.– /qm inkl. Mwst. rechnen.
Weitere Leistungen wie Lattung, Gaubeneindeckung, Grate, Kehlen und Firstabdeckung erhöhen den Aufwand und Preis auf etwa EUR 140,- /qm inkl. MwSt.


Die Förderung

Bei denkmalgeschützten Häusern ergeben sich folgende Fördermöglichkeiten:

Landesamt für Denkmalpflege
Sartori & Berger Speicher
Wall 47-51
24103 Kiel
Tel. (04 31) 6 96 77-0
Tel. (04 31) 6 96 77-65 (Förderung als Steuerliche Abschreibung im Denkmal)
https://www.schleswig-holstein.de/DE/Landesregierung/LD/ld_node.html

Stiftung Schleswig-Holsteinische Landschaft
Lorentzendamm 45
24103 Kiel
Tel. (04 31) 9 74 38-0

Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Schlegelstrasse 1
53113 Bonn
Tel. (02 28) 90 91-0
https://www.denkmalschutz.de

Vertiefend zu diesem Thema aus dem IG Baupflege Archiv

Maueranker 02/1982: Törben snieden
Maueranker 03/1983: Das feuersichere Reet- und Strohdach
Maueranker 01/1988: Gauben im Reetdach
Maueranker 04/1992: Wenn das Reet aber nun ein Loch braucht
Maueranker 02/1999: Ohne Moos nix los – das Reetdach, ein artenreicher Lebensraum




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