Die Konstruktion des Haubargs

Text: Ellen Bauer

Ursprung der Haubarge

Der Haubarg gehört zur Gruppe der Gulfhäuser, deren Ursprung von den Hausforschern in Ostfriesland nachgewiesen wird (V.G.). Die ältesten Beispiele sind Gulfscheunen. In Ost- und dem heutigen Westfriesland entwickelt sich der Typ des Gulfhauses, in dem Wohnen und Wirtschaften unter einem Dach vereint wurde, jedoch anfänglich mit deutlicher Trennung des Vorhauses. Die Holländer entwickelten zur Zeit der Einpolderungen im Beemster in Nordholland (1612-1620) in Abwandlung des Gulfhauses den Typ des Haubargs, der dort Stolp (Stelphof) genannt wird. Dieses bäuerliche Großhaus mit Gulfgerüst ist dem Haubarg, der durch niederländische Einwanderung in Nordfriesland seine eigene Prägung in Varianten erhielt, nicht nur in der Konstruktion, sondern auch in der Grund- und Aufrissordnung sehr viel verwandter.

Die Andersartigkeit des Haubargs gegenüber seinem konstruktiven Vorgängertyp besteht in der Anordnung weniger Gulfe, Vierkante, bis hin zu nur einem Vierkant. Ohne das langgestreckte Gulfhaus, das durch eine eng gestellte Ständerpaarfolge viele Gulfe (Raum im Vierkant) bildet, kann man die konstruktive und statische Neuerung und Bauleistung des Haubargs (auch des Stelphofes in den Niederlanden) schwerlich verstehen.


Typisch für den Haubarg werden folgende konstruktive Merkmale

Ein allseits abgewalmtes Reetdach mit der Integrierung des Wohnteils (Vörhus), der Verkürzung des Wirtschaftshauses (Achterhus), der größeren Abstände zwischen den Ständerpaaren (Vierkante/Gulfe), der Reduzierung der Vierkante bis hin zu einem Vierkant. Der klassische Haubarg bildet somit oft ein leicht gelängtes Quadrat im Grundriss, in der Mitte der Bergeraum für das „gehauene Getreide“.

Die Lage der übrigen Nutzungsbereiche folgen einer sich wiederholenden Anordnung: Der Wohnbereich (Vörhus) quer im Süden (ältere Haubarge im Westen), der Rinderstall (Boos) und die Dreschdiele (Loo) beidseitig in Längsrichtung sowie der Pferdestall (Peerboos) quer im Norden (s. vor im Osten).

Das hohe kräftige Hochrähm-Innenständergerüst (in Dithmarschen auch „Stuhl“ genannt) bietet in genialer Weise nicht nur die Überbauung des grossen, hohen Stapelraumes (Vierkant), sondern zusätzlich die unterschiedlich hohe Überbauung dieser Bereiche durch Stichbalken zwischen den Ständern als Auflager für Deckenbalken. Die gesamte Konstruktion des Haubargs folgt dem Prinzip der Einsparung von Holzmaterial, das auf den Handelsmärkten gekauft werden musste (nachgewiesene Herkunftsregionen der Hölzer: Pommern, Polen, Norwegen und Schweden).

Zur Konstruktion des Vierkantgerüstes wird jeweils ein Ständerpaar durch einen hochgelegenen, verkeilten Ankerbalken verbunden. Das Hochrähm in Firstrichtung, genannt Schunk, zu beiden Seiten mit am Ende aufgelegten Legbalken schließt die Ständer nach oben zu einem „Rahmen“ zusammen, auf dem allseits die Sparren ruhen. Das Gerüst ist in sich stabil, die Wände mit niedriger Traufe übernehmen anfänglich keine statische Funktion zur Übernahme der Dachlast. Stattdessen befindet sich hier vor der niedrigen Längswand eine lastabfangende Ständerreihe mit Rähm (sehr selten erhalten), die später durch eine tragende massive Backsteinwand zur Ablastung der Untersparren ersetzt wird. Auf dem Schunk treffen sich die Obersparren und die Untersparren, sie sind aufgekantet, schiessen jeweils über, liegen nebeneinander.

Das hohe Gerüst, die hohen Ständer, bedürfen einer weiteren Aussteifung, die durch die erwähnten Stech- oder Stichbalken geschieht, statisch an der Stelle des größten Biegemomentes. Der möglichen Durchbiegung der sehr langen Obersparren wird oft entgegengewirkt durch eine Reihung von Streben über Loo und Stall, die auf den Stichbalken Unterstützung finden.

Dieser Dachstuhl überbaut mindestens fünf Funktionsbereiche im Erdgeschoss, im Obergeschoss fünf weitere. Die Konstruktion überbaut einen Grossraum von 10-17 m Höhe bei minimaler Verwendung von Konstruktionsholz. Das Gerüst ist wiederverwendbar, da es abgebaut und wieder aufgebaut werden kann. Es sind einfache zimmermannstechnische Steckverbindungen. Der Haubarg ist ein Systemhaus.

Historische Zeitungsannoncen dokumentieren den Verkauf eines zusammengelegten Haubargs für den Wiederaufbau. Beispiel: der Pastoratshaubarg Poppenbüll wurde 1848 von Kotzenbüll nach Poppenbüll verkauft und in einem halben Jahr neu errichtet (Lit.).

Haubarg: Konstruktion. Haubarg Trindamm, 1825

Das Haubarg-Innenständergerüst und seine konstruktiven Bauteile

ST // Ständer aus kräftigem Querschnitt (annähernd quadratisch) aus Eiche (ca.bis 1700), aus Kiefer (ab 1700) – 26 – 28 – 30 – 35 – 38 – 40 cm
F1 // Sockelstein aus Granit – abgeflachte Seite nach oben. Druckverteiler im Marschboden und Feuchtigkeitssperre in einem (17.+18.Jh.)
F2 // treppenförmig gemauerter Sockel aus Backsteinen eingetieft / Unterlegplatte als Eichenbohlenstück mit einer Blei- oder Bitumenpapplage. Feuchtigkeitssperre am Fuße des Ständers (19 Jh.)
SCH // Schunk (der) – Bezeichnung des hochgelegenen Rähms über den beiden Ständerreihen (längs)
LEG // Legbalken – aufgelegtes Rähm am Ende der Schunke, bilden zusammen den hochgelegenen Rahmen zur Übernahme der Dachsparren
ANK // Ankerbalken verbinden und verankern zwei gegenüberliegende Ständer kraftschlüssig miteinander, werden durch die Ständer mittels durchgestecktem, überstehendem Zapfblatt aussen verkeilt (Ankerschloss)
AS // Ankerschloss: 1-2 Holzkeile
STI // Stechbalken (auch Stichbalken) – verbinden quer und längs in versch. Höhen das Ständersystem (beidseitige Einzapfung)
KB // Kopfbänder- schräge kurze eingezapfte Konstruktionshölzer zur Stabilisierung des Gerüstes der stehenden Hölzer (Ständer) mit den liegenden (Rähme/Stichbalken/ Ankerbalken)
DB // Deckenbalken – zur Herstellung der Holzdecken im Wohnbereich, über den Ställen (Boos) über der Loo
SP // Sparren – oberhalb Schunk Obersparren (Hüttsparren) / unterhalb Untersparren (Hauptsparren) aufgeklaut / an den Walmgraten: Gratsparren (Hörnsparren)
STR // Wandnahe Ständerreihe mit Längsrähm in Loo und Stall zur Aufnahme der Ablast der Untersparren (ältere Bauform)
MP // Murplaat – Konstruktionsholz auf der Mauerkrone zur Aufnahme der Sparrenfüsse. Verankerung mit der Mauer durch Stabmaueranker
MA // Maueranker – schmiedeeiserne Anker, die statisch innere Konstruktionshölzer mit der Aussenwand verankern (auch als Schmuckanker)
AM // Außenmauer - Ziegelsteinmauerwerk vermauert in Lehm mit Verfugung aus Muschelkalkmörtel / Klosterformatsteine (ältester Stein) an Haubargen oft wiederverwendet / verschiedene Formate je nach Bauzeit, Ort, Ziegelei
WÄ // Innenwände gemauert / ältere Wände aus Bohlen als Trennwände im Wohn- und Stallbereich (kaum erhalten)
DD // Dachdeckung Reet, älteste noch vorgefundene Bindung aus gedrehtem Kokostau, auch Wechsel Kokos und Kupferdraht, dann Stahldraht, ummantelter Draht, heute: Nirodraht
DL // Dachlattung, noch gefunden schmaler Baumquerschnitt, gespaltener Querschnitt (Schleten), gesägte Latten Kiefer 50/80 mm, auch 40/60 mm

Vertiefend zu diesem Thema aus dem IG Baupflege Archiv

Maueranker 04/2007: Die Geschichte des Haubarg Trindamm

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