Baupflege Kreis Tondern e.V. – das feuersichere Reet- und Strohdach

Peter Nissen

„Über das in Tondern am 4. November 1910 auf seine Feuersicherheit erprobte imprägnierte Retdach – genannt Gernentz-Dach“ – durchschwirren viele Berichte sowohl Tagesblätter als auch technische Wochenblätter in teils absprechendem und spöttelndem Urteil. Man nennt die Bemühungen für die Einführung der Bedachung „Strohdachspuk“ und appelliert an den Landmann, der – “trefflich rechnen könne" – und daher sicher nicht – „zur Freude der Strohdachschwärmer“ – oder – „mit Begeisterung für die malerische Wirkung oder im Hinblick auf die Bestrebungen für den sogenannten Heimatschutz das teure eingeschlämmte Retdach“ – verwenden würde.()

Alle diese Artikel entstammen indessen den Federn von Interessenten der Bauindustrie und wurden verfaßt im Zorne über die nicht mehr wegzuleugnende Tatsache, daß die bisher feuergefährlichste aller Dachdeckungen durch die Brandproben-Resultate in Worpswede (1908), Rostock (1909) und Tondern (1910) vollwertig in die Reihe der feuersicheren Bedachung eingerückt ist.



Diese Vorbemerkung setzte der Architekt Carl Voß seiner Schrift »Das feuersichere Ret- und Strohdach genannt Gernentz-Dach« voran, die als Mitteilung des Vereins Baupflege Kreis Tondern e.V. erschien. Es ist sicherlich ungewöhnlich, eine Veröffentlichung zu besprechen, die schon über 70 Jahre alt ist. Dies soll hier aber trotzdem geschehen, zum einen weil die dort gewonnenen Erkenntnisse zum Teil heute noch Gültigkeit haben, zum anderen aber auch weil damit ein guter Eindruck des Programms und des Selbstverständnisses der Tonderaner Baupflege gewonnen werden kann.(1)

Der Verein Baupflege setzt sich in diesem Fall mit einem ganz handfesten Problem auseinander, daß nämlich ein Stroh- oder Reetdach in jedem Fall die gefährlichste aller Dacheindeckungen sei, und daher die Feuerversicherungsprämien für diese Weichdächer wesentlich höher als für Hartdächer waren. In diesem Punkt führte die in Tondern durchgeführte Brandprobe zu einem Erfolg, denn nach den Resultaten lauteten die Tarifizierungsbestimmungen der Schleswig-Holsteinischen Landesbrandkasse: „Innerhalb des Geltungsbereiches der Schlesw.-Holst. Landesbrandkasse belegene Gebäude, welche nach dem Gernentzschen System mit feuersicher imprägniertem Stroh oder Reet gedeckt sind, werden hinsichtlich der Bemessung der Brandkassenbeiträge ebenso behandelt wie hartgedeckte Gebäude von sonst gleicher Bauart, wenn:
a) die Herstellung der imprägnierten Stroh- oder Reetdächer zuverlässigen Bauhandwerkem übertragen wird und außerdem eine Kontrolle der sachgemäßen Ausführung durch den Kreisbaumeister und den Bezirksschornsteinfeger oder durch andere, von der Landesbrandkasse anerkannte Personen vorgenommen wird,
b) die Beschäftigung, welche das imprägnierte Dach in Brandfällen durch äußere Einflüsse, namentlich durch Flugfeuer erleidet, vertraglich von der Versicherung ausgeschlossen sind.

„Das Brandprobehaus wurde auf Veranlassung der Landesbrandkasse in Kiel und des Vereins 'Baupflege im Kreise Tondern' im Frühjahr 1909 in hölzernem Ständerwerk errichtet. Es war 20 Meter lang, 6 Meter breit, bis zur Traufe 1,90 Meter hoch. () Das Dach war in 9 verschiedenen Deckungen () hergestellt.“


Es waren vier verschieden imprägnierte Stroh- und Reetdächer, ein normales Reetdach, zwei verschiedene Ziegeldâcher, ein Schiefer- und ein Pappdach aufgebracht worden. Als anderthalb Jahre später das Haus von Feuerwehrleuten von innen angezündet wurde, zeigte sich: »das imprägnierte gemischte Reetdach (Schwerdtfeger) und das Pappdach auf Schalung haben am längsten dem Feuer Widerstand geleistet«

Vorher schon hatte man mit brennenden Petroleumlappen die Anfälligkeit der verschiedenen Dacharten für Funkenflug erprobt. Dabei zeigte sich, daß das imprägnierte Reetdach zwar an den Spitzen Feuer fing, aber nicht durchbrannte, und nach Entfernung der brennenden Lappen das Feuer von selbst verlöschte.

Die lmprägnierung des Reetes geschah auf eine verblüffend simple Weise. Das Reet wurde zu dünnen Matten vernäht, die in einen Brei aus Lehm, Wasser und ein wenig Gips oder Zement getaucht wurden. Mit den noch feuchten Matten wurde dann gedeckt. Die Beimengung von Ammoniak- oder Salzwasser erschien Carl Voß überflüssig. Die Reethalme brauchten nur von einer dünnen Schicht Lehm umgeben zu sein, um sie feuersicher zu machen.

Entwickelt wurde dieses Verfahren von dem Landwirt Gernentz aus Thürkow in Mecklenburg zu einem ganz anderen Zweck. Er wollte mit dieser Art des Daches erschweren, daß sich Tiere wie Ratten, Marder und Vögel durch das Reet wühlten und mit den Löchern Angriffstellen für den Wind schufen. Durch die größere Widerstandsfestigkeit des Daches wurde zugleich die Lebensdauer erhöht.

Die ganze Schrift hindurch steht nicht im Vordergrund, daß ein Reetdach etwa „schöner“ oder „malerischer“ sei, sondern daß es „billig, praktisch, feuersicher und dauerhaft“ ist.


Carl Voß gibt eine ausführliche Beschreibung der Herstellung des Gernentzdaches und die dazu notwendigen Geräte konnten teilweise über den Baupflegeverein bezogen werden. Daneben werden in der Schrift die Vor- und Nachteile aller derzeit bekannten Dacharten behandelt, nicht nur in Hinsicht auf deren Feuersicherheit sondem auch auf Gewicht, Kosten, Schädlinge, Unterhaltung, Isolierung, Belüftung etc. Sehr viel Wert wird dabei darauf gelegt nachzuweisen, daß bei Abwägung aller wirtschaftlicher Gesichtspunkte das Gernentzdach allen anderen gegenüber konkurrenzfähig war. Es wird mehrfach Bezug genommen auf Erfahrungen, die in Amerika gemacht worden waren, weil die amerikanischen landwirtschaftlichen Gebäude zu der Zeit als vorbildlich galten. Voß warnt vor diesem Fehlurteil, indem er eine amerikanische Quelle, die „20 Century Practical Barn-Plans“ zitiert, die die Bauweise wie folgt schildern:

„Eines Tages sind wir entschlossen, einen Stall zu bauen und haben das Material vor Frühstückszeit des nächsten Tages auf dem Grundstück. Wir haben noch nicht entschieden, wo das Ding stehen soll, so gehen wir schon mit dem Zimmermann hinaus, die ldee dabei mit uns herumtragend, daß seine Zeit verläuft und wir ihn vom Sägen und Hämmern abhalten. Der Wirtschaftlichkeit wegen glauben wir, uns augenblicklich entschließen zu müssen. Die Straßenflucht ist genommen, und das Gebäude wird ein klein wenig seitlich angelegt. Nachdem es fertig ist, ist ja genug Zeit, darüber nachzudenken und zu bedauern, daß man es nicht anders gemacht hat, aber das Haus ist nun fertig; es hat ein klein wenig mehr gekostet, als wir gerechnet hatten – es kostet immer mehr als wir erwarten –, aber einerlei, wir haben keine Zeit und kein Geld, nun noch etwas zu ändern, geschweige denn von Grund auf die Sache gehörig vorzunehmen.* Die ganze Schrift hindurch steht nicht im Vordergrund, daß ein Reetdach etwa „schöner“ oder „malerischer“ sei, sondern daß es „billig, praktisch, feuersicher und dauerhaft“ ist.

Besonders im Anhang werden dann auch noch etliche Berechnungen und Kostenvoranschläge geliefert, die etwa die Kosten eines Pappdaches mit denen eines Reetdaches vergleichen, oder die Holzmenge in einem Steildach ins Verhältnis setzen zu der weit höheren Menge eines flachen Daches mit Knickrehm. Außerdem liefen er alternative Zeichnungen, Risse und Kostenvoranschläge für den Neubau eines landwirtschaftlichen Anwesens in Westerterp, einmal mit Pappdach und Drempel, einmal mit Reetdach im „friesischen Stil“.

Insgesamt muß man feststellen, daß Carl Voß eine sachliche, genaue und umfassende Beschreibung der Resultate der Brandprobe in Tondern, aber auch aller anderen möglichen Probleme mit Dächern gibt. Vieles davon, besonders die Rechenbeispiele, sind heute nur Geschichte, was das Lesen aber nicht weniger reizvoll macht. Auf jeden Fall kann man aber ablesen, wie weitblickend und fortschrittlich die Arbeitsweise der Tonderaner Baupflege war und wie sie sich auch in erster Linie mit aktuellen Problemen befaßte, um dann konkrete Lösungsvorschläge zu machen. Wenn es sein mußte auch durch das Aufbauen und Abbrennen eines Hauses.

Anmerkung (1): Der Verein Baupflege Kreis Tondern e.V. wurde 1908 von dem preußischen Landrat des Kreises Tondern Friedrich Rogge und dem Kieler Architekten Carl Voß ins Leben gerufen und nahm in den Jahren bis zur Abtretung Nordschleswigs an Dänemark (1920) nachhaltigen Einfluss auf das nordfriesische Baugeschehen. Siehe auch Maueranker-Erstausgabe, November 1981. Red.


Fotos: Reproduktionen aus der besprochenen Schrift von Carl Voß


Quelle IGB-Archiv, Der Maueranker 03/1983

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