Ohne Moos nix los

Gerd Kühnast


Das Reetdach, ein artenreicher Lebensraum

Neulich kam ein Mann zu mir und erklärte mir, er habe ein Verfahren zum Entmoosen von Dächern entwickelt: das funktioniere auf Reetdächern und Hartdächern. Das ginge ganz einfach und wirke hundertprozentig. Auf die Frage, warum denn das Moos entfernt werden müsse, reagierte er erstaunt: Moos, das schädige doch das Dach und außerdem sehe es nicht gut aus.

Der Mann erläuterte mir nun sein Verfahren: „Ich verdünne ein Teil Chlorbleiche (eine Flüssigkeit, die man im Grünen Warenhaus wie im Landhandel ohne weiteres kaufen kann) mit 3-4 Teilen Wasser und sprühe mit einer Spritze die bemoosten Flächen ein, so daß sie gut naß sind. Danach wird das Moos braun und trocknet zu Krümeln ein und fällt meist nach wenigen Tagen von selbst vom Dach.“

Aber mit Chlor sollte man doch sehr vorsichtig umgehen, wandte ich ein. „Dor blifft je so gut as nix vun na'" lautete die Antwort. Sie verschlug mir die Sprache und so verabschiedeten wir uns knapp.

Ich bin unter einem Reetdach in der Marsch aufgewachsen und kann mich nicht daran erinnern, daß man sich je die Mühe machte, das Reetdach von den vorwiegend an der Nord- und Ostseite wachsenden Moospolstern zu befreien. Man wußte, daß es doch wieder neu bewachsen würde und daß beim Abnehmen des Mooses unnötig Reetteile mit entfernt würden. Es wäre eine überflüssige Arbeit gewesen. Allenfalls beim Ausflicken nahm der Dachdecker Moos vorsichtig von der entsprechenden Dachfläche ab, weil es ihn bei seiner Arbeit störe. lm zeitigen Frühjahr kam es vor, daß Amseln die unter dem Moos lebenden Insekten und Larven aufspürten und dabei das Moos abrissen, so daß es in kleinen und größeren Plaggen vom Dach rollte.

Moose und Flechten verschiedener Arten gehören zum Reetdach. Ihre Ansiedlung auf diesem Substrat läßt sich in unserem feuchten Meeresklima gar nicht verhindern, wenn man es denn wollte. Das Reetdach ersetzt diesen Pflanzengesellschaften und all den im Gefolge darauf darin oder darunter lebenden Tierarten große Bäume und Totholz, die ja vielerorts gar nicht mehr vorkommen.

Zwei Dachdecker bestätigen, daß Moose und Flechten das Dach grundsätzlich nicht schädigen. Dachdeckermeister Werner Backens aus Drage: „Moos schützt die obere Schicht des Reetdaches gegen starke Temperaturunterschiede, die entscheidend zum Verschleiß des Daches beitragen. Das Moos soll man nicht anrühren, wenn es nicht beim Ausflicken des Daches vorsichtig entfernt werden muß."

„Moos nehme ich nur vom Reetdach, wenn die Polster zu dick (etwa 8-10 cm) aufgewachsen sind und zuviel Wasser ansammeln, was in seltenen Fällen vorkommt. Das geht am Besten, wenn wenn das Moos stark durchfeuchtet ist. Dann kann man es mit einer Harke vorsichtig abnehmen, weil es sich dann am besten von der Reetschicht löst." bestätigt Carsten Ewald Johannsen, Dachdecker aus Ballhaus bei Fahretoft.


Lebensgemeinschaften auf Reetdächern

Im Neuen Biologischen Atlas, Ökologie für Schleswig-Holstein und Hamburg widmet Bernd Heydemann dem Thema ein längeres Kapitel. Eine besondere Art von Lebensgemeinschaft hat sich auf Reetdächern etabliert, wenn sie 10 Jahre und älter sind. Diese Lebensgemeinschaft stammt ursprünglich von den Oberflächen moosbewachsener Steinhaufen, von flechtenbewachsenen Baumstämmen und Felsen. Die Flora der Reetdächer (Reet=Schilf=Phragmites australis) durchläuft im Ablauf von Jahrzehnten nach dem Neueindecken des Daches mehrere Folgestadien. Diese Sukzessionen vollziehen sich etwa folgendermaßen:

1. Erstbesiedlungsphase
Frisch gedeckte Dächer sind schon nach einigen Jahren mit Pflanzen bewachsen. Das erste Stadium beginnt mit Luftalgen und Krustenflechten, die als Luftplankton verbreitet werden....

2. Phase von 6-10 Jahren
In dieser Zeitspanne beginnt die Besiedlung der Blattflechten zusammen mit weiteren Krustenflechten. Viele dieser unscheinbaren Sporenpflanzen haben keine deutschen sondern nur wissenschaftliche Namen. Die häufigste Krustenflechte ist Lecanora varia, sie kann bis zu 65% eines Daches einnehmen. Hinzu treten verschiedene Blattflechtenarten und Cladonia-Flechtenarten.

3. Phase von 10-15 Jahren
Einige Moos- und Flechtenarten kommen heute nur noch oder doch vorwiegend auf Reetdächern vor. Das häufige Moos Leptodontium flexifolium siedelt z. B. im Flachland fast nur auf Reetdächern und ausnahmsweise auf Dächern aus Stroh. Die Art ist also nicht nur dachtypisch, sondern auch typisch für ein bestimmtes Dachsubstrat. Außerhalb des Flachlandes besiedelt die Art auch übererdete Felsblöcke, diese sind ihr ursprüngliches Habitat.

4. Phase nach etwa 15 Jahren
Jetzt beginnt die vorletzte Sukzessionsphase; in den Polstern des typischen Strohdachmooses (Diacroweisia) siedeln sich epigäische Moosarten an, und zwar je nach Substrationsfeuchtigkeit:
a) an trockenen Stellen säuremeidendes Moos
b) an luftfeuchten Stellen das Dünnzahnmoos, das niedrige PH-Werte, also höhere Säuregrade liebt
c) daneben in Übergängen zwischen trocken und feucht das Hornzahnmoos (Ceratodon purpureua), in einer feuchteren Endphase zusammen mit dem Gabelzahnmoos (Dicranum scoparium)

5. und letzte Phase nach 20-25 Jahren
Bei der letzten Entwicklungsphase der Dachbesiedlung wird das Dach manchmal schon neu gedeckt. Zu diesem Zeitpunkt tritt eine Blütenpflanzen-Gesellschaft (Kraut- und Strauchgesellschaft) auf, die die Moose ablöst. Eine Rückwandlung auf die Anfangsphasen der ökologischen Entwicklung kann unter natürlichen Umständen durch Regengüsse oder Schneerutschungen geschehen oder durch menschlichen Eingriff beeinflußt werden, wie beispielsweise durch Abharken. Die freigewordenen Stellen werden dann zunächst wieder durch Algen besiedelt. anschließend folgen die übrigen Folgestadien.

Die Moose und Flechten zerstören das Reet nicht, denn sie wurzeln nicht darin, sondern haften nur darauf.


Die Bedeutung ökologischer Faktoren für die Besiedlung der Reetdächer

Die Feuchtigkeit der Landschaft (Luftfeuchtigkeit, Niederschlag) ist mitentscheidend für die Zusammensetzung der Moos-, Flechten- und Algenvegetation der Dächer. Von Westen nach Osten in Schleswig-Holstein kann man daher eine Abnahme der feuchtigkeitsliebenden und eine Zunahme der trockenheitsresistenten Formen auf Reetdächern beobachten. Da die Feuchtigkeit für die meisten Moose, Flechten und Algen ein ausschlaggebender Umweltfaktor ist, erfolgt in Schleswig-Holstein auch eine Abnahme der Gesamtartenzahlen und der Sukzessionsgeschwindigkeit auf Dächern von West nach Ost.

Pflanzen und Tiere auf Reetdächern müssen nicht nur eine hohe Resistenz gegen Trockenheit, sondern auch gegen hohe Temperaturen haben. Bei einer Lufttemperatur von 23°C im Schatten wurden folgende Temperaturen auf Dächern gemessen*

1. Südseite, 45° geneigtes Dach
a) auf Moospolstern : 49°C
b) im Moospolster: 45°C
c) 10 cm über dem Dach: 34°C

2. Nordseite, gleiche Dachneigung
a) auf dem Moospolster 27°C
b) 10 cm über dem Dach: 24°C

Der Sonneneinfallswinkel entspricht im Jahresdurchschnitt mit 81° auf der südwärts gerichteten Dachfläche fast demjenigen am Äquator. Die Wärmemenge ist damit im Vergleich zum ebenen Boden doppelt so groß wie im Bodenbereich der meisten offenen Biotoptype. Einige Moos- und Flechtenarten kommen in unseren Breiten nur noch auf Reetdächern vor.


Schädigen Moos und Flechte das Reetdach?

Die Moose und Flechten zerstören das Reet nicht, denn sie wurzeln nicht darin, sondern haften nur darauf. Das Reetdach zeigt holzartige Verhältnisse und entspricht also etwa der Rinde eines Baumes als Unterlage für diese Pflanzen. Daher sind auch die ersten Besiedler von Reetdächern Rindenbewohner. Die von den Pflanzen benötigten Nährstoffe stammen vor allem aus der Verwitterung des Reets, aus dem Regenwasser, dem eingewehten Staub und dem Vogelkot. Unterhalb von Storchennestern bildet sich beispielsweise infolge des großen Nährstoffangebotes (Koteinfluß) eine andere Dachvegetation als an anderen Stellen.

Dennoch wird häufig der Moosbewuchs auf Reetdächern von Hausbesitzern für schädlich gehalten. Die Moosbeseitigung erfolgt dann durch Abharken oder sogar durch Unkrautbekämpfungsmittel. Manchmal wird das Beseitigen des „schädlichen Mooses“ kommerziell angeboten.

Die Begutachtung von 300 moosbewachsenen Dächern, besonders der Vergleich von abgeharkten und bewachsenen Dächern ergab
indessen folgenden Befund:
• Moose lassen sich durch Abharken höchstens für 2 Jahre vom Dach fernhalten. Am unwirksamsten und teuersten ist der Einsatz von Herbiziden.
• Das Abharken führt zur schnelleren Verdünnung der Reetschicht und damit nicht zur Verlängerung, sondern zur Verkürzung der Lebensdauer eines Daches.
• Eine Moosdecke legt die Reetschicht fest, vermindert damit die negativen Witterungseinflüsse und erhöht die Lebensdauer der Reetdächer.
• Moose zersetzen das Dach unter ihren Polstern nicht durch moosbedingte Verwitterungsprozesse. Eine eventuelle Auflage von Humus unter den Polstern stammt vorwiegend aus der Verwitterung der Moose, weniger vom Reet.


Fauna der Reetdächer

Die Tierwelt der Reetdächer ist bisher systematisch und ökologisch nur wenig untersucht worden. Charakteristisch ist eine typische Mikrofauna mit Rädenieren, mit Bauchhärlingen. Fadenwürmern, Bärtierchen und Zwergflohkrebsen. Die meisten dieser Gruppen haben die Eigenschaft, monatelang völlig eingetrocknet (im Sommer) oder in Eispaketen eingefroren (im Winter) zu überdauern. Sie sind nach Wasseraufnahme oder nach dem Auftauen in einigen Stunden wieder voll beweglich, nachdem sie vorher wie kleine Erdkrümel – als Tiere kaum zu erkennen – dagelegen haben. Die meisten dieser Arten leben im Wasserfilm der Moos-Flechtenpolster. Sie sind aquatische Tiere, denn sie können sich nur im Wasser fortbewegen. Neben der Mikrofauna leben eine Reihe von Schimmelkäfern, Baumschwammkäfern und Pillenkäfern von den Pilzgeflechten oder Moosteilen auf den Dächern. In den Moospolstern entwickeln sich die Larven bestimmter Schwarmmückenarten, von Trauermücken und Gnitzen. In den offenen Reethalmen haben zahlreiche Wildbienen- und Grabwespen-Arten ihre Brutplätze, und zwar gerade auf der Südseite der Dächer, die für eine Moos- und Flechtengesellschaft und deren Fauna zu trocken ist. Die Vielfalt der Pflanzen- und Tierwelt, die trotz der extremen Bedingungen auf dem Reetdach ihren Lebensraum findet, ist erstaunlich. Für manche Art ist dies der letzte noch mögliche Lebensraum.

Die Beseitigung des Bewuchses von Reetdächern wird von den Fachleuten, den Reetdachdeckern, für überflüssig gehalten. Es sind meistens individuelle Ansichten der Hauseigentümer, z.B. das Sauberkeitsbedürfnis, die den Anstoß zur Beseitigung der Pflanzenschicht fördern.

Die Moosentfernung kostet Geld, der natürlichen Entwicklung ihren Lauf lassen, kostet nichts. Chemie hat aber auf dem Reetdach nichts zu suchen. Sie gelangt von dort unkontrolliert ins Oberflächen- und ins Grundwasser.


Literatur
Berndt Heydemann 
Neuer Biologischer Atlas Schleswig-Holstein, Wachholtz-Verlag 1997

Volkmar Wirth

Die Flechten Baden-Württembergs, Teil l. Verlag Eugen Ulmer 1995


Aus dem IGB-Archiv, Der Maueranker 02/1999

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