Törben snieden

Gerd Kühnast, IGB Nordfriesland

Der Dachfirst beim reet- oder strohgedeckten Haus ist eine empfindliche Stelle, die gegen Witterungseinflüsse besonders geschützt werden muß. Hier stoßen die auf die Dachflächen gedeckten Lagen zusammen, besitzen aber nicht mehr die volle Stärke. Die oberen Lagen werden gekürzt und abgeschnitten. An dieser Stelle würde Regenwasser eindringen, würde man nicht eine Firstabdeckung auflegen. Je nach Landschaft gab es unterschiedliche, meist landschaftstypische Firstabdeckungen. Verwendet wurde jeweils geeignetes Material der Umgebung (z.B. Buchweizenstroh mit Hängehölzern in Angeln, Heidekraut oder Heidesoden auf der schleswigschen Geest). In weiten Teilen der Westküste wurde der First der weichgedeckten Häuser mit Grassoden abgedeckt, die an bestimmten, besonders geeigneten Stellen geschnitten wurden und schuppenartig sich überlappend gegen die Hauptniederschlagsrichtung (Südwesten-Westen) auf den First gelegt und mit ca. 20 cm langen Holzpflöcken festgesteckt wurden. In den deichnahen Marschen verwendete man möglichst Soden aus dem Anwachs vor dem Deich (Vorland), die sich gut schneiden lassen und besonders elastisch und haltbar sind. Auf der marschnahen Geest wurden an Wegrändern oder auf Viehweiden Dachsoden gewonnen.

Zwei spezielle Geräte waren für das Schneiden der Soden nötig: Ein Messer an einem langen Stiel zum vertikalen Trennen der Grasnarbe und ein flaches, dreieckiges, ebenfalls gestieltes Messer zum horizontalen Schneiden und Ablösen der etwa 5 cm starken Soden. Das erstere wurde häufig selbst hergestellt, indem ein Kuhhorn gestielt wurde, durch das ein Schlitz gesagt und ein Messer gesteckt wurde. Zwei Mann bedienten das Werkzeug, indem einer es mit einem Tau zog, während der andere das Messer führte. Es gab dies Gerät auch vom Schmied eigens angefertigt mit verstellbarem Messer.

»De Törben möt härzi wään«

Die alten Dachdecker stellten an die Sodenqualität besondere Anforderungen. Auf Nordstrand sagten sie: »De Törben (friesisches Wort für Soden) möt härzi wään«, d.h. von den Wurzeln des Andelgrases und des Rotschwingels gut durchwachsen. In Breklum wurden die Dachsoden an einem der grünen Wege, das sind Feldwege ohne Stein- oder Grandbefestigung, geschnitten. An Flecken mit dichter Grasnarbe wurde das Gras schon Wochen vorher mehrfach mit der Sense gemäht, damit es sich noch mehr bestockte. Heute wird aus Mangel an geeigneten Soden und wegen der nicht allzu langen Haltbarkeit gern Heidekraut auf den First genäht und mit Maschendraht oder Kunststoffnetzen überspannt. Die Heide wird aus Dänemark importiert.

Die alten Grenzen der Firstabdeckungslandschaften sind verschwunden. Immerhin ist die Abkehr von den starren Kunstmaterialien Wellasbest, Blech oder gar Beton erfreulich zu vermerken.

Die guten Außendeichsoden werden von den Landesbehörden nur noch ausnahmsweise für denkmalpflegerische Zwecke zur Verfügung gestellt. Das Sodenschneiden, das im Deichbau mit Maschinen bewerkstelligt wird, ist sicher keine große Kunst, aber eine alte handwerkliche Tätigkeit. Sie wird es in absehbarer Zeit nicht mehr geben.


Aus dem IGB-Archiv, Der Maueranker 02/1982


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