N' beten scheef hett Gott leev ...

Jan Leseberg, IGB Nordfriesland

… behauptete ich kleinlaut bis kühn, wenn mir als Lehrling etwas nicht ganz so gut gelungen war: Hatte der Wandputz eine Lunke von auch nur 2 Millimetern, hieß es, man könne glatt eine Mütze zwischen Kardätsche und Putz durchschmeißen. Da half mir leider keine Redensart, da mußte noch einmal glatt und schier verputzt werden. Und doch keine Redensart wäre so abgegriffen, daß sie nicht doch noch das berühmte Körnchen Wahrheit enthielte.

Was ist so schlimm am Schiefen, Krummen, Faltigen. Woher kommt die Angst vor der Unordnung? Wieso ist „gerade" ein Qualitätsbegriff? Muß immer die „Norm“ herhalten?

Gesichter alter Menschen lieben wir: weil sich in ihnen das Erlebte ausdrückt. War das Leben gut und erfüllt, zeigen sich Lachfalten; manchem (wie auch mir – hat der Alltag den Rücken gebeugt. Wir bewundern jahrhundertealte Bäume (wie die Kaiserlinde in Königslutter), weil ihre heutige Erscheinung von zahllosen Schicksalsschlägen und deren Überwindung zeugt.

Aber: Abstehende Ohren, vorher erfreulich rosig im Gegenlicht schimmernd, werden heute angelegt: Zähne werden gerichtet, Brüste werden angehoben, mit dem Heben der Augenbraue kommt auch der Strumpf hoch. Altern hat einen schlechten Leumund. Erneuerung ist angesagt.

Ich habe häufig mit Besitzern von Baudenkmalen zu tun, die leichtfertig etwa die eine oder andere Wand abreißen wollen, weil diese nicht mehr ganz im Lot steht – nach dem Motto: Was schief ist, ist nicht in „Ordnung“. Solche Leute, die ihre Vorstellung vom Wohnen offenbar aus Bausparerzeitschriften nehmen, sollten in der Tat lieber neu bauen – ordentlich nach DIN und allem, was dazugehört. Sie besitzen keinen Sinn für die Seele alter Häuser, begreifen nicht deren wohldurchdachte Proportionen, wissen und sehen nicht, daß zum Beispiel die Teilung barocker Fenster dem Goldenen Schnitt entspricht – Maßverhältnissen, die über Jahrtausende hin dem Menschen als wohltuende Richtschnur galten, da sie seinen eigenen Maßen und Proportionen entsprechen. Mit dem Fortschreiten des Industriezeitalters gerieten diese sinnerfüllten Regeln zunehmend außer Acht; Bauen und Wohnen (beide Wörter haben übrigens ihren gemeinsamen Sprachstamm „buan“ im Althochdeutschen) vollziehen sich heute nach der Devise: schnell, glatt und billig – möglichst zeitschriftengerecht. Selten, daß einer die Mühe auf sich nimmt, ein altes Haus detailgetreu in seiner Individualität zu erhalten.

Architektonisch ist Pisas schiefer Turm natürlich nicht mit dem vom Einsturz bedrohten Backengiebel eines uthlandfriesischen Hauses zu vergleichen; aber auch in diesem Fall ging es um Erhaltung eines originalen Bauwerts.


Erfreulicherweise gibt es aber solche Fälle. „Alt" und „schief" kann durchaus zu Weltruhm kommen. Renommiertes Beispiel: der Turm zu Pisa. Vor 818 Jahren wurde mit dem Bau des Kampanile begonnen, heute weist „der schiefe Turm" eine Neigung von 1:10 auf. In äußerster Besorgnis, die Touristenattraktion könne zusammenstürzen, versuchte man mit allen Mitteln, ihn zu halten. Inzwischen wurde er provisorisch abgestützt.

Architektonisch ist Pisas schiefer Turm natürlich nicht mit dem ebenfalls vom Einsturz bedrohten Backengiebel eines uthlandfriesischen Hauses zu vergleichen; aber auch in diesem Fall ging es um Erhaltung eines originalen Bauwerts (Abb. 1). Verrottete Balkenköpfe, gebrochene Sparren, die die Last der Wangen nicht mehr tragen konnten, durchgerostete Maueranker hätten unweigerlich binnen kurzem zum Zusammenfall des Giebels geführt. Auf dreieinhalb Meter Höhe war eine Neigung von mehr als 50 cm entstanden: das bedeutet ein Verhältnis von 1:7 – also weitaus „schiefer“ als beim schiefen Turm.

Die Besitzerin des Hauses und ich waren uns (auch hierin) einig, keine Kopie errichten zu wollen. Wenn irgend möglich, sollte der originale Giebel wieder aufgerichtet und standfest gemacht werden. Statt teuren Abrisses und Wiederaufbaus sollte die (nebenbei billigere) Möglichkeit der Restaurierung genutzt werden – in der Absicht, weitgehend die Individualität und damit den Denkmalwert des Hauses zu erhalten.

Der kompetente und geduldige Zimmermann grub 2 Ständer in die Erde, versah sie mit einem Querholz, errichtete an der gegenüberliegenden Seite einen Pfahl – und verband beides durch die Querdiele mit einem Stahlseil. Mittels einer eingebauten Winde zog er das Seil über 2 Wochen jeden Tag um 2 Umdrehungen an. Schließlich stand der Giebel (ohne Risse!) fast gerade! Gleichzeitig wurden die Balkenköpfe repariert, neue Sparren eingezogen, die durchgerosteten Maueranker verlängert und wieder mit den Deckenbalken verbunden. Maurerarbeiten von ca. DM 9.000,– wurden gespart, und das Haus hat seinen ureigenen Giebel behalten – wenn auch immer noch 'n beten scheef! Geliebt wird es auch – denk mal!


Aus dem IGB-Archiv, Der Maueranker 02/1992


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