Muschelkalk, Murplaat & Maueranker

Ellen Bauer

Sanierungsarbeiten am Haubarg Trindamm


Muschelkalk

Muschelkalkmörtel ist bekannt als besonders dauerhafter hochhydraulischer Mörtel, der im nordeuropäischen Backsteinbau seit dem Mittelalter zu Mauerwerksverbänden verwendet wurde, die heute noch stabil dastehen (insbesondere erhalten an Kirchen). In Eiderstedt jedoch ist es üblich gewesen, für den Bau bäuerlicher Gebäude Ziegel in Lehm aufzumauern, nur die Verfugung in Muschelkalk auszuführen. So sparte man gewisse Mengen von dem in Kalköfen aus Muscheln gebrannten hochwertigen Mörtel. Nach außen war das Mauerwerk damit gegen Nässe geschützt, innen reichte der Lehmaufbau mit einem Verputz und einem Kalkanstrich. Häufig wurden nach innen auch die weniger hart gebrannten Steine verbaut. Das alles, um Energie für die Brände in den Kalköfen und Ziegeleien zu sparen. Holz, Kohle und Torf als Feuerungsmaterial waren hier in der Marsch nicht einfach zu beschaffen. (Abb. 10 – Lehmreste)

Muschelkalk hat besondere Eigenschaften. Der Abbindevorgang findet unter Feuchtegehalt des Materials statt, der Härtungsvorgang dauert zeitlebens an wie auch bei Kalkanstrichen. Der MK-Mörtel ist elastischer, säureresistenter, atmungsaktiv, d.h. stark diffusionsoffen, das Feuchterückhaltevermögen ist so hoch wie bei Sanierungsmörteln, in seiner Plastizität ist er beständiger, ein unübertroffenes Naturprodukt. Und dennoch – als Fuge nur circa 2 x so tief wie hoch (Lagerfugen hier nur 1 – 1,5 cm hoch) – kann er nicht „ewig“ standhalten, wenn es im Mauerwerk zu Setzungen und Rissbildungen kommt. Die ersten Fugen bröckeln dann, der Schaden setzt sich fort. So geschehen nach 200 Jahren am schönen Trindamm-Haubarg. (Abb. 1–3)


Maueranker

Maueranker halten eine innere Holzkonstruktion mit einer äußeren Wand zusammen, so daß ein Innenständergerüst (z.B. bei einem Haubarg oder einem friesischen Uthlandhaus) und eine Außenwand sich gegenseitig halten und stabilisieren. Diese Meinung vertritt auch der Haubargforscher F. Saeftel (1930 „Haubarg und Barghus“). Diese geschmiedeten wichtigen Bauteile können durch ständig fortschreitende Korrosion, die durch Regen, hohe Luftfeuchte und Staunässe im Mauerwerk entsteht, altern. Wenn die Hauptankerteile, die nach innen den Verbund zum Sparren oder Balken herstellen, zu dünn werden oder besonders hinter der Schlaufe im Mauerwerk ausgedünnt brüchig werden, muss eine Reparatur stattfinden. Die Wand könnte sich ohne diese Klammer, diesen Halt verformen. An den schönen Nordgiebeln des Trindamm-Haubargs waren es nach 200
Jahren vier Stück, die einer Überarbeitung bedurften. Teile des Mauerwerks hatten sich bereits im Giebel Nord-Ost leicht verschoben durch Ausscheren und anschließende Rissbildung. Am Giebel Nord-West ist eine mittige ausbeulende Verformung über der Stalltür vorhanden, deren Ursache noch „frei gelegt“ wird. (Abb. 2 + 3)

Am Giebel 1 im Norden (Abb. 2) gibt es zwölf Maueranker, und zwar „Stabmaueranker“ (so nenne ich sie) bis auf zwei, einen in der Giebelspitze, der vom Schmied aufgespalten wurde und so mit je einer Volute zweimal ein herzförmiges Ornament bildet. Er verbindet den hoch liegenden kurzen Hahnenbalken der Streichsparren mit der Giebelwand. Die parallel zur Dachschräge verlaufenden Maueranker verankern die gleichen Sparren – nur im unteren Bereich. Die Jahreszahlen-Maueranker sind Schmuckanker, alle anderen erfüllen ihre statische Funktion.

Der markante mittige, nicht stabförmige, besteht aus zwei aufgebogenen Halbkreisen mit einer mittigen Schlaufe und stabilisiert zusammen mit den
neben der Lootür befindlichen Stabmauerankern das innere Holzrahmengerüst der Lootür. Diese ist an den Ständern mit Bändern angeschlagen und geht nach innen auf. Die Erschütterungen des Öffnens und Schließens, der Druck bei Stürmen, diese Kräfte übernimmt das Rahmengerüst und entlastet die nur 1 1/2 steinsche Wand (in Lehm!).

Für die niedrige Traufwand nach Osten gibt es eine Reihung von gleichförmigen Mauerankern mit seitlich „ausschwingenden“ Bögen. Hier wird die historische Seitenständerreihung in der Loo mit der Mauer verklammert. Das ist hier am Trindamm ein sehr gut erhaltener,
seltener Befund.

Die westliche niedrigere Ständerreihe im Stall wurde von J. Hinrichs wegen Überalterung und aus Nutzungszwängen durch eine Stahkonstruktion ersetzt. Damit fielen die baugleichen Maueranker weg. Die Wand ist nach außen geneigt, man kann daran die statische Wirkungsweise der ehemaligen Maueranker erkennen. Die zeichnerische Bestandsaufnahme zeigt weitere anspruchsvoll ausgeformte Maueranker des 17. und 18. Jahrhunderts vom Südgiebel, die zum Teil vom Vorgänger-Haubarg stammen, der wegen Brand 1825 ersetzt wurde. Am Haubarg Trindamm kann man also feststellen, daß eher die in Lehm gemauerte Wand Stabilisierung durch das Holzgerüst benötigt anstatt das Holzgerüst Halt durch das Mauerwerk, wofür eben die so berühmt gewordenen Maueranker erfunden wurden Doch an der Lootür umgekehrt. Insofern hat Saeftel doch recht. Sie lesen in diesem Moment den „MAUERANKER “ – „Maueranker“ – das Bauelement, das unsere friesisch-niederländische Architekturgeschichte charakterisiert. (Repro 1)


Murplaat

Mauerplatten / Schwellen oder eben plattdeutsch „Murplaats“ ermöglichen eine konstruktive Verbindung zwischen der Mauerwerkskrone von Außenmauern mit dem Sparrenkopf oder einem Deckenbalken oder beiden zusammen.

Wenn die Murplaat im Traufbereich durchfeuchtet ist, da das Reet schwindet und damit ein ausreichender Dachüberstand fehlt, können sich Pilze und schädlicher Holzbefall an dieser Holzschwelle bilden, eine mögliche Verrottung zur Folge (Abb. 14+15). Sie müssten dann ausgewechselt werden. Das ist einfacher gesagt als durchgeführt. Als Auflager für die Sparren, die beim Haubarg als Untersparren hier einen Teil der Last des hohen Daches abtragen, kann diese flache lange Schwelle nicht herausgezogen werden. Diese Murplaat und die Sparren sind außerdem wegen der Reetdeckung nicht frei zugänglich. Das heißt, die Zeit einer Reetdacherneuerung ist der Zeitpunkt, wo es in diesem Bereich zu „Freilegungen“ kommt. Der Traufbereich eines Haubargs kann dann gesichtet werden, ggfs. können Mauerwerkskrone, Murplaat, auch Maueranker teilweise erneuert werden. Diese Maßnahme findet derzeitig statt am stattlichen Haubarg „Trindamm“ der Familie Hinrichs am Osterkoogdeich in Tetenbüll, die sich schon seit längerem auf die Neueindeckung in Reet vorbereitet hat.

Wie dargestellt sind diese drei Bauteile, Mauerwerk mit Muschelkalk, die Murplaat und die Maueranker wesentliche Konstruktionsglieder,
die im Rahmen einer Neueindeckung des Daches untersucht werden sollten.


Der Haubarg Trindamm

Der Haubarg Trindamm in Eiderstedt im Adenbüllerkoog ist allen Haubargliebhabern bekannt. In besonderer Weise besticht die gepflegte Südfassade mit stolzem Giebel, klassizistischer türkisgrün-weißer Haustür und Mauerwerk in Rotstein im Wechsel mit einem gelb gebrannten Ziegelstein am Ortgang in Dreiecksform und an den Fenster- und Türstürzen, die zusätzlich aus dunkel hart gebrannten Klinkern noch eine betonte „Architekturlinie“ als oberen Abschluss zeigen. Jeder Vorbeifahrende muss hingucken. So haben Herr und Frau Hinrichs stets großzügig ihren Haubarg für Besichtigungen der IGB oder der „Eiderstedter Kultursaison e.V.“ geöffnet. (Abb. 4 + 5 Repro 3 Vorderansicht)

Eben bei einer solchen Besichtigung kam durch ein Gespräch mit der IGB und mit dem Landesamt für Denkmalpflege etwas Außergewöhnliches zustande. Die von den Besitzern beabsichtigte und bevorstehende Reetdachdeckung im Osten, Westen und Norden könne doch begleitet werden durch eine Unterstützung der „Öffentlichen Hand“, denn diese habe ein immerwährendes Interesse am Erhalt des besonderen Haubargs. Zum einen steht das Gebäude unter Denkmalschutz, zum anderen ist den meisten Menschen das wunderbare Modell im „Nissenhaus“, im Nordsee-Museum Husum bekannt als klassischer Haubarg von 1825 mit allen Details, ein wahres Studienobjekt. Weiterhin besteht eine zeichnerische
Bestandsaufnahme von hoher Qualität aus der Zeit von 1944 / 1949 als Studienarbeit angefertigt von dem bekannten Architekten Anton Johannsen aus Husum. 2010 organisierte die IGB eine Exkursion. Überraschend überreichte Herr Johannsen Herrn Hinrichs seine Originalzeichnungen auf Transparentpapier, eine wunderbare Geste. Mit anderen Worten: Dieser Haubarg ist in besonderer Weise dokumentiert – siehe auch der Bericht mit etlicher Archivarbeit von Gerd Kühnast im MA von 2007 / Nr.4 – wie sinnvoll, wenn unwiederbringliche Details am Gebäude selbst erhalten bleiben, so unsere Wünsche, Gedanken und schließlich Taten. Im Ergebnis wurde durch die IGB, Hans-Georg Hostrup als Vorsitzenden und mich als Architektin mit offenen Augen, vor allem auch durch das Landesamt für Denkmalpflege mit dem Engagement von Dr. Nils Meyer eine Förderung ermöglicht, die zu einer wesentlichen Mauerwerkssanierung führte, die noch anhält. Durch die besondere Umsichtigkeit und Mithilfe von Frau Maren Dinklage, der Tochter der Familie Hinrichs, und von Herrn Hinrichs sowie mit Hilfe meiner Architektenleistungen verläuft der Ablauf der Maurerarbeiten bisher so, wie wir uns das vorstellen. Die Handwerkliche Leistung liegt bei den sehr erfahrenen Maurern. (Repro 1-4)


Mauerwerksarbeiten

Als Mörtel wird der industriell hergestellte Muschelkalk der Firma Marbos eingesetzt. Der sogenannte Vormauermörtel für das Aufmauern, der Fugenmörtel für die Verfugung. Der Baustoffhändler Schröder in Garding, Abteilung DeFries (Ansprechpartner Benjamin Fuchs) hat inzwischen diese Produkte lagermäßig vorrätig, kann Sonderbestellungen vornehmen. Der passende Rotstein im Holländischen Format 20 / 10 / 5 cm mit Abweichungen durch Handformung und Ringofenbrand ist ebenso vorrätig bei der Firma, ein gängiges Format des 19. Jhs. (ähnlich dem „8-Zoll-
Stein“). Das ist für die Ausführung der Arbeiten bei ungewissem Mengenbedarf eine Erleichterung. Wir kennen Zeiten, in denen es nicht so war. Unsere Vorträge und Veröffentlichungen im Maueranker haben wohl etwas bewirkt?

Die Baufirma „Dornbuschbau“ in Garding verfügt über Erfahrungen in der Sanierung solcher Mauern, auch das so – wie wir uns das wünschen für die historischen Gebäude. Es sind die guten Maurer, die ihr Handwerk noch beherrschen, die besonders die Wand an Giebel 1 im Norden mit genauer Schichtenberechnung retteten. Aus 18 Schichten wurde 16 – der Maurer nennt den Vorgang: „Er verkauft eine Schicht“ oder hier eben 2
Schichten. Man sieht auf dem Foto 10 ein 1 ½ starkes Mauerwerk im Norden, aufgesetzt in Lehm, verfugt in echtem Muschelkalkmörtel aus den Kalköfen, die es in Garding gab. Der Lehm wurde nun durch Muschelkalk-Vormauermörtel ersetzt. Sieben Arbeitsschritte haben wir hier bei der Erneuerung des zusammen gesackten Mauerwerks festgehalten. Wie eine „Trockenmauer“ stand die Wand da – ohne Mörtel – nur Neuverfugen war hier nicht möglich, die Maurer mussten den unteren Teil der Wand neu aufbauen, zugleich mit dem Bestand verzahnen. Und in der Steinwahl haben wir „alt und neu“ verwoben. J. Hinrichs hat nach den Maurerarbeiten gefegt, die Mörtelreste hätten „nach Fisch gerochen“ – die Muscheln
kommen noch aus dem Meer. (Abb. 6-12 Arbeitsschritte)


Mauerankerreparatur

Eine Inaugenscheinnahme der Maueranker führte Arne Prohn (IGB Vorstand) als Schmied an den beiden Nordgiebeln durch. Die Zugänglichkeit
– auch im Innenbereich – war jedoch erst durch Einrüsten den Maurern möglich. Wir wählten eine sehr vereinfachte Reparatur. Die defekten Maueranker wurden vom Schlosser der Baufirma durch angeschweißte Gewindeschrauben mit einer Stahlplatte und Bolzenmutter im hinteren Bereich erneuert. Es sind nur vier Maueranker, die diese Reparatur benötigten. Spätere Denkmalpfleger können den Eingriff erkennen. (Abb. 13)


Murplaat-Auswechslung

An der Ostseite wurde ein Stück Murplaat ersetzt. Auch die Sparrenfüße waren zum Teil durch Feuchte angerottet, defekt und wurden durch angelaschte Hölzer verstärkt. Diese Maßnahmen übernehmen die Reetdecker, die darauf achten, daß bei der Neudeckung die Stabilität der Sparren und Latten (zumeist neu) gegeben ist. Weil die Sparrenköpfe nicht mehr kraftschlüssig auf der Mauerwerkskrone auflagen, konnte
dort die Murplaat ausgewechselt werden.


Fazit

Wir freuen uns gemeinsam mit den Besitzern über eine Aktion, die in gutem Zusammenwirken von allen erwähnten Beteiligten mit relativ kleinem Einsatz der „Mithilfe“ eine große Wirkung erzielt hat, nämlich den Erhalt für „neue Jahrzehnte“ eines unwiderbringlich bedeutenden Haubargs, der formal in so einheitllicher Architektursprache mit genau datierter Bauzeit nur hier am Trindamm steht. „Trindamm“ – das berichtet Herr Hinrichs – heißt „gewölbter Damm“. Ähnlich gegliederte Fassaden datieren eher in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts. Hier jedoch ist die Wiederaufbauzeit nach einem Brand von 1825 belegt.

P.S. Der Student Johannsen hat 1944 den Jahreszahl-Maueranker am Nordgiebel 2 mit einer „23“ gezeichnet, also „1823“ als Bauzeit. Am Gebäude sieht man die Jahreszahl „25“. J. Hinrichs weiß zu berichten, daß er am defekten Maueranker, der eine „3“ oder eine „5“ hätte sein können, einen kleinen Rest des Schmiedeeisens zur „5“ gefunden hat und ihn entsprechend wieder ergänzt hat. Also 1825 ist richtig. (Repro 1)


Bildnachweis

Abb. 1-15
Ellen Bauer

Repro 1-4
Zeichnerische Bestandsaufnahme von 1944 / 1949 
Dipl.-Ing. Architekt Anton Johannsen / Husum

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