Der „schleswiger” Bauernhof in einem neuen ethnologisch-archäologischen Licht?

Peter Dragsbo, Sønderborg

Als die kulturhistorische Hausforschung in der Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Anfang nahm, war das alte Herzogturm Schleswig von drei unterschiedlichen Hausformen geprägt: Bis zu einer Linie etwa von Ripen bis zur Gjenner Bucht war der nord- und ostdänische Vierseithof mit Wohn- und übrigen Gebäudeflügeln um einen rechteckigen Hofplatz vorherrschend. lm Süden, in der Gegend um das Danewerk und die Schlei, gab es das niederdeutsche „Hallenhaus" (früher „Niedersachsenhaus" genannt), bei dem das Tor an der Giebelseite zur großen Diele führte, von der aus man Zugang hatte zu den seitlichen Viehställen, den „Bosen", zum Getreide- und Heuboden über den Balken sowie zum Wohnteil ganz hinter im Gebäude. In der gesamten mittleren Region gab es den sogenannten „schleswiger" Hoftyp mit our einem dominierenden Hauptflügel, der Wohnung und Stall enthielt - in der Regel gegen Norden durch eine schmale Vordiele, nach Süden oft durch die Querloh oder Querdiele getrennt.

Wie Bjarne Stoklund mehrfach beschreibt, hat das Vorkommen dieses Hoftyps die Hausforscher verwirrt und herausgefordert. lm Zuge des nationalpolitischen Diskurses der Zeit versuchte man nämlich, die schleswigschen Hoftypen als Beweis für die deutsche oder dänische Zugehörigkeit der Region einzuordnen. Reinhold Mejborg stellte 1892 die Hypothese auf, dass es den Vierseithof möglicherweise früher bis zum Danewerk hinunter gegeben hätte; dies wurde jedoch 1895 von P. Lauridsen völlig zurückgewiesen. Vom evolutionistischen Gedanken der damaligen Zeit aus betrachtet, schloss er zum Ersten aus, dass Bauern auf ihren Höfen von mehreren zu weniger Gebäudeflügeln übergegangen sein könnten, zum Anderen behauptete er, dass im Gegenteil der „einflügelige“ Hoftyp der ursprüngliche dänischeHoftyp sei, unter anderem auf Grund seines Vorkommens in anderen Gegenden des Landes, z.B. in Nordwestjütland. Dies paste ja sehr gut zu dem nationalen Kampf; und schien durch jütische Ausgrabungen in den 1930er Jahren untermauert, bei denen man Reste von Wohnplätzen aus der Eisenzeit mit Wohnung und Stall unter einem Dach gefunden hatte. Ungeachtet der großen Unterschiede von Hofformen und Bautradition innerhalb des skandinavischen Gebiets, benutzte Claus Eskildsen 1936 damn auch in seinem Buch „Dansk Grænselaere" (Dänische Grenzlehre) den „schleswiger" Hof, um zu beweisen, dass die „nordische“ Bautradition bis zum Danewerk hinunter vorherrschte. 1961 analysierte Svend Jespersen indessen, die Bauernhöfe in der mittelschleswigschen Region und konnte nachweisen, dass sie im Grunde so einflügelig gar nicht waren. In der Regel waren sie durch mehrere Scheunen und „hjaelme" (verbretterte Scheunen) ergänzt, und es gab oft die Tendenz, einen Hofplatz zu bilden, wie z.B. bei den „Winkelhöfen" auf Alsen.

Nun sollte man sich iedoch hüten, in einem Kulturgrenzland auf der Karte allzu klare „Hausgebiete" einzuzeichnen, denn im Laude der Geschichte sind hier die kulturellen Elemente nach Norden und nach Süden gewandert, je nachdem woher die Bevölkerung sich ihre kulturellen Vorbilder holt. Die norddeutsche Hofform ist z.B. schon früh in die Ostenfelder Region nördlich des Danewerks gedrungen, lau Bjarne Stoklund möglicherweise gleichzeitig mit dem Sprachwechsel zum Niederdeutschen im 15. Jahrhundert. Ferner sind später, im 17. und 18. Jahrhundert, Stall und Scheunenteil des niederdeutschen Bauernhofes in den „einflügeligen" Hof in Süd- und Ostangeln, ja, sogar bis nach Südalsen hinauf hineingefasst worden - inspiriert vom Ansehen der fortschrittlichen holsteinischen Landwirtschaft. Ebenfalls gibt es im 18. Jahrhundert Anzeichen dafür, dass Höfe auf Alsen und Sundewitt unter de Einfluss von Süden zunehmend rein einflügelig geworden sind - während gleichzeitig auf Grund des neuen Ansehens der dänischen Landwirtschaft im Zuge der Landwirtschaftsreformen sich der Vierseithof nach Süden ausbreitete, sogar ganz bis nach Sundeved und der nordfriesischen Marsch. Und schließlich dürfen wir den „Haubarg" nicht vergessen, der im 17. und 18. Jahrhundert von den reichen und international orientierten Marschbauern in seiner Gesamtheit nach Eiderstedt importiert wurde.

Übrig bleibt indessen die Tatsache, dass das mittlere Schleswig von einem besonderen Hoftyp geprägt war – einem Hoftyp, der nicht nur die Ideale der Hofbauweise bis zum 20. Jahrhundert geprägt hat, sondern sich auf Grund gewisser praktischer Vorteile im 19. Jahrhundert nach nach Süden ausbreitete und den niederdeutschen Hof verdrängte. In seinem Buch „Die Kulturgeschichte der Dinge" (2003) weist Bjarne Stoklund hin auf den „schleswiger" Hof als an von der Bauernhofforschung versäumtes, aber spannendes Problem: „Er war nördlich der deutsch-dänischen Sprachgrenze anzutreffen, fiel jedoch nicht mit dem dänischsprachigen Gebiet zusammen. Dagegen breitete er sich in das friesische Siedlungsgebiet aus, und Hofformen mit den gleichen Hauptmerkmalen konnten ursprünglich entlang der deutschen und der holländischen Küste verfolgt werden, d.h. im gesamten friesischen Siedlungsgebiet ein Stück weiter nach Süden". Im Gegensatz zu P. Lauridsen oder Claus Eskildsen z.B. könnte man deshalb, wenn man den Hofformen ethnische Stempel aufdrücken wollte, Bjarne Stoklund zufolge den schleswiger Hof genau so gut als „friesisch" wie als „dänisch" bezeichnen – es gibt aber, so folgert er, nur ganz wenig zu sagen über diese Hofform, solange eine tiefgreifende Untersuchung fehlt, welche Peter Lauridsens alte Hypothese ablösen könnte, dass sie die „Urform" des dänischen Bauernhofs darstellt.

In den letzten Jahren haben die Archäologen damit begonnen, sich dem vernachlässigten Mittelalterhof „von unten" zu nähern, d.h. die immer zahlreicheren Ausgrabungen von Bauplatzstellen der Eisen- und der Wikingerzeit fortzuführen. Leider sind sich die Archäologen immer noch nicht bewusst, dass wir sowohl hierzulande als auch in Norddeutschland eine lange Tradition für die Erforschung der vorindustriellen Bautradition haben – die Hausforschung, die auf dem Hintergrund von noch erhaltenen Bauten sowie von Archivstudien in der Lage gewesen ist, die Linien auf jeden Fall bis ins 16. Jahrhundert zurückzuverfolgen. Mittelalterarchäologen haben jedoch in jüngster Zeit versucht, den Vierseithof zu finden – u. a. bei der Ausgrabung von Tärnby bei Kopenhagen, wo er sich erst im 16. Jahrhundert deutlich zu etablieren scheint. Auch hat man Untersuchungen vorgenommen über "Dänemarks ältesten Bauernhof", Vinkelgården bei Viborg, der sich heute im Freilichtmuseum Hjerl Hede befindet. In verblüffender Weise erinnert dieser mit seinem Stall-Wohnteil-Haus und seiner Ständerbaukonstruktion im Stall-Scheunenteil tatsächlich an einen schleswiger Hof und wird von Kennern in die wohlhabenden und innovativen ersten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts datiert.

In dem Band von „Det sønderjyske landbrugs historie" (Die Geschichte der nordschleswigschen Landwirtschaft, 2/2003) werden die bisherigen Resultate der Ausgrabungen von Bauplatzstellen aus der Wikingerzeit und dem Mittelalter zusammengefasst – leider sind die Verfasser in nur geringem Umfang orientiert gewesen über den fachübergreifenden Charakter der Bauernhofforschung und ihre besondere Problematik im schleswigschen Raum. Man kann daher sagen, dass sie die Problematik eher unwissend streifen und einige interessante Blitze aussenden, die aber nicht weiter verfolgt werden. Die Archäologin Anne-Birgitte Sørensen kann auf Grund der allgemeinen Erfahrungen aus den Wikingerzeitgrabungen der letzten Jahre auf jeden Fall den Schluss ziehen, dass die Einführung des so genannten Trelleborghauses, der Halle oder des „Saalhauses" der Wikingerzeit, „die Epoche des dreischiffigen Langhauses als Typenhaus der ländlichen Besiedelung abschloss" und im Mittelalter „zur endgültigen Trennung von Menschen und Tieren" führte. Damit steht fest, dass es im dänischen Gebiet in seiner Ganzheit keine unmittelbare Kontinuität zwischen dem Wohn-Stall-Haus der Eisenzeit und denen der neueren Zeit gegeben hat. Im Gegenteil zeigen die Resultate der Bauplatz-Ausgrabungen der letzten Jahre in Nordschleswig wie auch im übrigen Land, dass die späte Wikingerzeit und das frühe Mittelalter auf dem Gebiet der Bautradition eine Zeit der Innovation waren, in der eine reichhaltige Palette von neuen Plantypen und Konstruktionen eingeführt wurde.

Dies gilt auch für Konstruktionen wie die Firstständer- und die Zweiständerbaukonstruktion, die schon in der Vorzeit benutzt worden waren. Demnach folgert Anne-Birgitte Sørensen, dass das mittelalterliche dreischiffrige, d.h. das Ständerhaus „vermutlich (nicht) aus den Häusern der Eisenzeit entwickelt (war), sondern eher eine \Weiterentwicklung der unten erwähnten Kübbunghäuser" war (wobei auf Mittelalterbauplätze in der Gegend von Ripen hingewiesen wird). Hinsichtlich des so genannten schleswiger Hofes fasst Professor Bjørn Poulsen späterhin wie folgt zusammen: „Über die Entwicklung des dänischen Bauernhofes müssen wir annehmen, dass es im 15./16. Jahrhundert war, dass die vielen früher verstreut liegenden Gebäude allmählich zu einem Gesamtkomplex zusammenwuchsen … zu einer Anordnung der Wirtschaftsgebäude um das Wohnhaus herum, und charakteristisch für Nordschleswig wurden nun die einflügeligen Höfe" (Hervorhebung des Verfassers).

Indessen werden in dem oben erwähnten Band der „Geschichte der nordschleswigschen Landwirtschaft" auch Hofbauplätze der Wikingerzeit beschrieben, deren Baupläne in interessanter Weise auf die Problematik der schleswiger Höfe in historischer Zeit hinweisen – leider, ohne dass darüber näher reflektiert wird. Bekannt ist z.B. die Ausgrabung des Dorfes Elisenhof in der Eiderstedter Marsch, wo das Langhaus der am meisten verbreitete Haustyp war, mit ungefähr halb Wohnteil, halb Stall und der Stalltür an der Giebelseite zur Marsch hin. Anne-Birgitte Sørensen deutet diese Häuser, die im Prinzip in erstaunlichem Maße friesischen Höfen der neueren Zeit entsprechen, als Ausdruck dafür, dass „Viehzucht wichtiger als Getreideanbau" war. Schließlich wird in dem Werk ein weiteres interessantes Detail beschrieben, und zwar „große gut gebaute Kübbunghäuser mit Wagentor (an der Giebelseite)", gefunden u. a. auf Østergard bei Hadersleben und bei Hofausgrabungen in der Nähe von Ripen. Aber ja – Kübbunghäuser mit Giebeleinfahrt: Riecht das nicht ein bisschen nach norddeutschem Hallenhaus?

Kurz gesagt, es könnte interessant sein, Antwort auf einige ganz grundlegende Fragen zu erhalten – Fragen wie: Ist die Verteilung der niederdeutschen, „schleswiger" und Vierseithöfe im Schleswig der neueren Zeit das Resultat einer späten geografischen „Fixierung" einer Reihe von Hoftypen, die im Laufe des Mittelalters über ein größeres Gebiet verbreitet waren? Kann die Verteilung der Hoftypen dazu benutzt werden, etwas über die unterschiedliche Bedeutung von Getreideanbau bzw. Viehzucht in der Zeit Mittelalter/Renaissance auszusagen – und kann diese Verteilung demnach mit dem Begriff „Ökotyp" verknüpft werden? Oder kann der Sieg des schleswiger Hofes in der mittleren Region eher kulturell gedeutet werden, z. B. – wie von Bjarne Stoklund angedeutet – als Ausdruck für den Einfluss der friesischen Kultur? Kann der „einflügelige" Hof am Beispiel Elisenhof und seine Ausbreitung entlang der Wattenmeerküste überhaupt mit friesischer Kultur, geschweige denn Ethnie in Verbindung gebracht werden? Und: Sind die archäologischen Forschungsergebnisse – wie in besagtem Werk vorgelegt – für Nordschleswig bis heute zu sehr im Lichte der allgemeinen dänischen Forschungsergebnisse gedeutet worden und zu wenig unter Berücksichtigung der besonderen Eigenart Schleswigs als traditionell multikulturelles und -ethnisches Kulturgrenzgebiet?

Genauere Antworten auf diese Fragen können wir nur durch mehr und systematisch bearbeitete Forschungsergebnisse von archäologischen Ausgrabungen, Archivstudien sowie Analysen der überlieferten Bautradition erhalten, in enger fachübergreifender Zusammenarbeit zwischen den beiden Forschungszweigen: Dorf- und Einzelhofarchäologie und kulturhistorisch-ethnologische Hausforschung.


Peter Dragsbo ist Direktor des Sonderburger Schlossmuseums. Dieser Text wurde als Diskussionpapier im Vorwege an die Teilnehmer eines dreitägigen Seminars in Sonderburg verschickt. Das Seminar fand im Museum im Sonderburger Schloss vom 17-19. März 2005 statt. Für die IG Baupflege Nordfriesland & Dithmarschen nahmen Gerd Kühnast und Bert Ex teil.

Quelle IGB-Archiv, Der Maueranker 02/2005

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