Zu Besuch bei unbekannten Verwandten

Die IG Baupflege auf Exkursion in der Niederlande

Ellen Bauer

Unsere Neugierde war groß. Am ersten Tag unserer Besichtigungen standen drei Haubarge auf dem Programm. "An der Wiege des Haubargs", mit diesem Artikel im Maueranker 4/1984 weckte G. Kühnast unser Interesse. Stelphof (oder Stolp, holländ. = stolpboerderijen) der Familie Schuitemaker in Grosthuizen Auf einer schnurgeraden Straße im Beemster, einer der in Noord-Holland trockengelegten Polder, erreichen wir den gepflegten, bewirtschafteten Hof. Ein hochgewachsener Landmann mit feinen Gesichtszügen und freundlichen Augen erwartet uns und empfängt uns mit einer Begrüßungsrede in fließendem Deutsch. Wir stehen vor der großen Lohtür, vertraut, was der erste schnelle Blick einfängt: Das hohe Dach in Reet. Roter Ziegel, die Farbe der Fenster und Türen dunkelgrün, dazu das bekannte vermischte hellere Grün. Wir schauen in die weite Polderlandschaft mit den grasenden Schwarzbunten und hören:

Über 300 Jahre befindet sich der Hof in der gleichen Familie, ihr Name "Schuitemaker" = Schutenmacher verrät etwas über den Ursprung der Familie und die Geschichte der Landschaft. Die heute wohlhabenden Polder, der Beemster, der Schermer, der Wieringwaard u.a. waren um 1600 noch Seen mit einer Tiefe bis zu 3 m. Mit robusten Poldermühlen im sog. Mühlengang wurden insgesamt 52 Seen trockengeschöpft (1610-1650). 1640 wird der Beemster bereits als "Lustgarten Hollands" erwähnt: Getreide, Obst, Blumen, Gras, Vieh, Höfe. Familie Schuitemaker gehört zu den ersten Anwohnern hier, ihr Name verrät, daß sie "Schuten machten", das sind Kähne zum Transport von Vieh, Heu und Mensch (Bild 1).

Herr Schuitemaker ist stolz auf seine Familientradition, das merken wir, denn er läßt nicht unerwähnt, daß von seinen vier Kindern sein einziger Sohn den Hof wieder übernehmen wird, in der 11. Generation. Mit großem Idealismus haben Schuitemakers das Haus erhalten, für unseren Besuch alles geputzt, insbesondere den Stall, der wenige Tage vorher noch zum Abkalben belegt war, bis die Kühe und Kälber aufgetrieben werden konnten. Von der Ostseite – Lohtür – gehen wir zur Langseite des Stalls im Westen, an die der sonnenbeschienene, in voller Blüte stehende Obstgarten grenzt. Unsere typischen Halbmondfenster sind oval, als Scheibe in das gelbe Klinkermauerwerk eingemauert, wohl der älteste Teil. Im Süden vor der Wohnfront laufen die Kälber, Hühner und anderes Kleinfedervieh weisen darauf hin, daß hier die gute, alte, aber auch mühevolle Landwirtschaft noch nicht wegrationalisiert worden ist. "Min Genoegen - 1820", diese Inschrift auf einer Steinplatte in der 1820 erneuerten Ostwand des Wohnteils, was soviel heißt wie "Mein Vergnügen, meine Genugtuung", diese Grundhaltung zu Besitz und Arbeit versteckt sich wohl in dem ganzen Anwesen.

Warum haben die holländischen Haubarge an der Traufkante mehrere Reihen Ziegeldeckung? Herr Schuitemaker erzählt, daß Gäste aus Frankreich die Frage anders gestellt hätten, ob das pelzige Reetdach das abnehmbare Winterdach, darunter das Ziegeldach das Sommerdach sei?

Tatsächlich, das Reet wirkt stellenweise wie eine aufgelegte Decke. Dachziegel waren teurer als Reet, daher
1. nur dort angewendet, wo unbedingt nötig. An der Traufkante, um das Regenwasser ableiten und in einer Holzrinne auffangen zu können. Über ein hölzernes Fallrohr, das nach innen führt, wird das Wasser häufig direkt an die Stelle des Bedarfs (Viehtränke oder Küche) geleitet.
2. dort verwendet, wo Zierde und Zeichen der Schönheit erwünscht waren: über dem Wohnteil. Im Barock wandeln sich diese Ziegelflächen zu großflächig ornamental gestalteten Ausschnitten innerhalb der Reetdeckung.

Wir betreten den Stall. Warum gehen wir von Norden durch eine verglaste Tür im Charakter einer Wohntür? Warum haben Schuitemakers soviel Wert auf den Stallputz gelegt? Ursprünglich befand sich am Ende des Stalls, meistens an den Wohnteil grenzend, die Küche der Familie. Die Wärme des Viehs bot Wärme den Menschen. Es gab nur eine Feuerstelle in einer der beiden Stuben. Schuitemakers haben eine neuzeitliche Küche, doch im Sommer richten sie sich wieder nach alter Tradition die Küche im Stall ein. Der Stall wird hierzu geputzt wie eine Wohnung, ein weißer Kalkanstrich aufgebracht, alte wunderschöne keramische Fliesen, gelb und grün glasiert, werden auf dem Boden der Viehstände ausgelegt, auf die Stallgasse wird ein Läufer ausgerollt. Ein großer Strauß aus Trockenblumen steht dort, wo sonst die Kuh angebunden ist. Die Fliesen werden zum Winter wiederum aufgenommen und säuberlich gestapelt mit Zwischenlagen von Zeitungspapier, damit die Glasur nicht beschädigt wird. Ich sehe hierin eine sehr praktische Lösung für das Alltagsleben auf dem Hof. Alle, die auf einem Bauernhof leben oder gelebt haben, kennen das Problem mit den schmutzigen Stiefeln und den "kuhstallriechenden" Jacken, vier Mahlzeiten am Tag, hier scheint mir das Problem einfach gelöst.

So können natürlich auch die beiden guten Stuben, die wir danach betreten, wirklich welche bleiben (Bild 2). Frau Schuitemaker empfängt uns sehr herzlich, wir haben überall Zutritt und dürfen staunen: "Alles wie im Museum", doch hier wird gelebt. Die einzige offene Feuerstelle unter einer gewölbten Fliesenverkleidung – Smeucher genannt – ist mit einem gußeisernen Ofen versehen. Bunte holländische Fliesen mit Hirtenszenen aus der griechischen Mythologie von ca. 1800 sind erhalten. Die Farben der Deckenbalken und Holzdecken, Türbekleidungen und Fenster mit inneren Fensterläden sind in traditionellen Farben lackiert, die wir auch aus unserem Land kennen: Ein mattes Altrosa in dem einen Raum (festlich), ein Blaugrau in dem anderen, Möbel und Bilder von Generationen.

Vorbei an den Schlafkammern führt unser Rundgang uns in die Loh (Bild 3). Der Vierkant ist durch eine Bretterwand abgetrennt und bis zum Obergeschoß gefüllt mit Heu. Die Brettbohlen sind kräftig blau gestrichen. Über eine Leiter steigen wir auf den Boden, um einen Eindruckvom Holzgerüst und Vierkant zu bekommen. Was ist augenfällig anders als in unseren Haubargen?
1. Auffällig die enge Sparrenlage, nur ca. 45 cm. Sparren aus Rundhölzern, die Lattung aus Schleten.
2. Doppelte Reetdeckung, d.h. im Innern sind die Sparrenfelder ausgefüllt mit einem Reetpolster.
3. Die Dachneigung relativ flach. (Bei uns z.B. ein Hinweis auf das Alter des Haubargs, spätere Haubarge werden steiler.)
4. Das Dach pyramidenähnlich, d.h. nur ein sehr knapper First.
5. Auch die fehlenden Haubarggiebel erinnern an unsere früheren Haubarge.

4000 Stelphöfe gibt es noch, 200 stehen unter Denkmalschutz in Holland. Wir freuen uns, daß wir in Anbetracht der Gruppe und der kurzen Zeit eine weitere Einladung bekommen haben:

Stelphof in Middelbeemster, Architekt Maja und Cornelis de Jong

Maja und Cornelis de Jong empfangen uns mit einer copje coffie und haben sich Zeit genommen, unsere vielen Fragen zu beantworten.
An der geraden baumbestandenen Straße steht der Hof unter alten Bäumen mit schönem geschwungenem Giebel zur Straße. Wir besichtigen nur das Innere. Cornelis de Jong hat die gesamte Raumfolge, die sich um den Vierkant legt, ohne "falsche" Rücksicht auf die frühere Nutzung für sich zu Wohn- und Büroräumen ausgebaut und braucht mit neun Angestellten nicht wenig Fläche. So ist es ihm gelungen, den Vierkant in seiner ursprünglichen Art zu erhalten. Von Ausbauten frei ist der alte Raumeindruck da, der Blick auf das Bockgerüst frei. Gestapelt wird hier kein Heu oder Dreschgut, sondern die Bauherren können hier stapelweise Pläne des Architekten bewundern. Über eine Stiege wie früher geht's nach oben und auch dieser Galerieraum für Ausstellungszwecke. Diese Lösung ist beim Umnutzen von Haubargen nur dann möglich, wenn die erdgeschossige Fläche um den Vierkant für den Raumbedarf ausreicht und wenn die Temperatur- und Luftfeuchtigkeitsprobleme zu lösen sind. Wir fragen danach. Cornelis de Jong hat keine Probleme, obwohl der große Luftraum nicht extra beheizt wird. Das kombinierte Ziegel-Reetdach ergibt eine bessere Wärmedämmung (hier Doppeldeckung). Hinzu kommt, daß zwei Seiten obergeschossig ausgebaut sind, möglich durch einen Giebelaufbau für die Belichtung. Der Anteil des diffundierenden Reetdaches ist daher kleiner als bei manchem unserer Haubarge, wo wegen der hohen Luftfeuchte ein aufgehängtes Papier nach wenigen Tagen "antik" wird.

Dieser Stelphof ist ein gutes Beispiel für eine Revitalisierung eines unwirtschaftlich gewordenen Bauernhofes, ein neues Lebendigwerden mit anderem Inhalt, ohne daß das Haus in einer Zwangsjacke sein altes Gesicht verloren hat. Bei uns in Nordfriesland mit verbliebenen 40 Haubargen anstatt 4.000 stimmt natürlich der Abgang eines Hofes von der landwirtschaftlichen Nutzung zu einer Wohnung viel trauriger.

 

Stelphof in De Rijp - Druckerei mit Wohnung, 1875

Nicht auf dem Plan, aber auf dem Weg, nämlich in De Rijp, liegt ein Haubarg inmitten des Ortes, dessen Besitzer uns spontan den üblichen "gewünschten kurzen Blick" erlaubt. Im Vierkant machen wir einige Entdeckungen: Die Ständerkonstruktion sowie die Sparren sind wieder Rundhölzer. Holz war in Holland Importware. Auffallend enger Sparrenabstand vermittelt den Eindruck höchster Stabilität. Der Boden im Vierkant ist ausgelegt mit gelben holländischen Klinkern, hochkant. Bei Schuitemakers befand sich in der Loh ein ebensolcher Boden im Fischgrätenmuster.

Außen flach geneigtes Pyramidendach (ohne First), die Dachdeckung außen ganz in Ziegeln, innen ganz in Reet (Doppeldeckung). Die Lohtür im Norden unter zurückspringender Traufkante wegen der Höhe. Vergleiche unsere frühen Haubarge. Vom Stall zum Vierkant „stolpere“ ich über die hohe Schwelle, kurze Besinnung: Diese Schwelle gibt es nicht in den Haubargen von Eiderstedt, die ich bisher kenne, mit einer Ausnahme, im Roten Haubarg. Auf einem gemauerten Sockel liegt das Schwellholz, darauf in den vier Eckpunkten die vier Stützen des Ständergerüstes. Bei Cornelis de Jong ist das ebenso.

Warum? Der Besitzer erklärt: Nach der Trockenlegung (De Rijp ist eine "Trockenlegersiedlung mit Glaubensfreiheit", siehe Friedrichstadt) war der Boden schwammig und weich, eine Pfahlgründung war erforderlich. Im engen Abstand befinden sich Pfähle unter den Schwellhölzern. Er erklärt mit einer Handbewegung, daß sich darüber, jedoch noch unter der Sohle Bögen befänden, ehe diese in das Sockelmauerwerk übergehen. Meine Interpretation: Um einen trockenen Unterbau zu bekommen, schaffte man einen Übergang von den gerammten Holzpfählen zum SockelMauerwerk mit der Schwelle sinnvollerweise mit gemauerten Bögen.

Im Roten Haubarg haben wir oft über diese auffällige Schwellenkonstruktion nachgedacht, denn Loh und Vierkant sind durch diesen hohen Sockel getrennt, was sonst nicht üblich ist. Die "Kellermauern" aus dem 16. Jahrhundert, auf denen der Vierkant z.T. aufbaut, schienen eine mögliche Erklärung für die Festlegung des höher angelegten Niveaus der Vierkantkonstruktion auf einem Sockel mit Schwelle. Nun liegen Vermutungen zu einem holländischen Baumeister nahe, ohnehin haben bereits viele Details die Verbindung zu Friedrichstadt vermuten lassen. Die gelben Klinker im Fischgrätmuster in der Ostdiele des Roten Haubargs sind eines der vielen Details, nun bestätigt durch unsere Stelphofbesichtigungen. Auch der Adolfskoog (Roter Haubarg) war gerade eingedeicht, trockengelegt, in Friedrichstadt begannen zur gleichen Zeit die Holländer die Gründung ihrer Stadt.

Die kurze Reise nach Holland zeigte uns, wie eng die verwandtschaftlichen Beziehungen gewesen sind. Die Geschichte belegt dieses, die Baugeschichte führt es uns vor Augen. Die Haubarge in Nordfriesland gehören zu einer großen "Familie", deren Ahnenforschung sich weiterhin lohnt.

Quelle IGB-Archiv, Der Maueranker 04/1985

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